{"corpus":"steiner","locus":"GA 69a/1911-02-24/p003","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Meine sehr verehrten Anwesenden! Geisteswissenschaft, oder wie man in den letzten Jahrzehnten gewohnt worden ist, sie zu nennen, «Theosophie», ist in den weitesten Kreisen entweder unbeliebt, oder man kann wohl auch sagen unbekannt. Mit Ausnahme eines kleinen Kreises unserer Zeitgenossen - und klein muß dieser Kreis heute genannt werden, der sich intensiv mit dieser Geisteswissenschaft beschäftigt - kann man wohl mancherlei Urteile, mancherlei Kritik über diese Geisteswissenschaft hören, aber im Grunde genommen wenig von einem wahrhaften und ernsten Eindringen in dieselbe. Man weiß in den Kreisen unserer Gebildeten der Gegenwart recht wenig davon, daß dieser kleine Kreis sich in ernstester Art und in ganz wissenschaftlichem Sinne mit den Fragen des geistigen Lebens befaßt, mit Fragen, die sozusagen von den elementarsten Erscheinungen dieses Geisteslebens ausgehen und dann hinaufgehen bis zu den höchsten Fragen, welche die Menschenseele sich stellen kann, den Fragen nach Tod und Leben, nach der Entwicklung der gesamten Menschheit, Fragen selbst nach der Entwicklung unseres Planeten oder des Planetensystems. Und schon, wenn man in unserer Gegenwart von einer Beschäftigung mit solchen Fragen hört, dann faßt man in weitesten Kreisen ein Vorurteil gegenüber diesen Bestrebungen, ein Vorurteil, durch das man sich sogar berechtigt glaubt, sich nicht weiter einzulassen auf solche Zeitströmungen. Denn was, so meint man, kann man dahinter schon vermuten? Irgendeine doch größtenteils auf dilettantischen Vorstellungen fußende Sekte. - Davon weiß man eben wenig, daß die Menschen, die zu dieser angeblichen Sekte gehören, das heißt zu den genannten Kreisen gehören, mit wissenschaftlichem Ernst und mit wissenschaftlicher Gründlichkeit die ungeheuren Fragen studieren nach Methoden und Quellen, die eben den weitesten Kreisen unserer gegenwärtigen Gebildeten ganz unbekannt sind. Und man ahnt nicht, daß es ungefähr ebensoviel Sinn hat, von Theosophie oder Geisteswissenschaft als von etwas Sektiererischem zu reden, wie wenn man die Chemie oder die Botanik der Gegenwart etwas Sektiererisches nennen würde. Denn man glaubt ja freilich, echte wissenschaftliche Methoden seien diesen Fragen gegenüber überhaupt nicht möglich, man glaubt aber auch, solche Bestrebungen leichthin aburteilen zu können, sozusagen aus einem populären Wissen heraus. Man gibt heute zwar zu, daß man, sagen wir in der Chemie oder Botanik Vorstudien machen muß, zu den Quellen gehen muß, [um etwas davon zu verstehen], aber man gibt nicht zu, daß es notwendig oder auch nur möglich sei, in bezug auf die höchsten Fragen des Geisteslebens der Menschheit es ebenso zu machen. Allerdings ist man im Falle der Geisteswissenschaft noch in einer anderen Lage als gegenüber der Chemie oder Botanik. Diese Wissenschaften behandeln Dinge und Fragen, welche Spezialitäten des Lebens betreffen, und man kann mit dem, was sie einem geben, innerhalb dieser speziellen Verhältnisse des Lebens Gebrauch machen. Von dem aber, was aus wissenschaftlicher Gründlichkeit heraus auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft heute getrieben wird und wovon diejenigen, welche es treiben, nicht nur die Hoffnung, sondern auch die Zuversicht haben, daß sie für die Menschenzukunft große Bedeutung haben, von dem muß man sagen, daß es eine einschneidende Wichtigkeit hat für unsere gesamte Lebenspraxis, für die Sicherheit, Festigkeit und die Zuversicht unseres ganzen Lebens.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Geisteswissenschaft und Menschenzukunft","site_heading":null,"date":"1911-02-24","location":null,"word_count":496,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69a/1911-02-24/p003","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69a/1911-02-24/p003"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/69a/1911-02-24/p003","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}