{"corpus":"steiner","locus":"GA 69a/1911-02-24/p006","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"So wie die Wissenschaft der Gegenwart auf das Experiment hinweist, auf Versuche mit äußeren, mechanischen Mitteln, so weist die Geisteswissenschaft hin auf einen Versuch, der einzig und allein mit den Mitteln unserer Seele selbst angestellt werden kann. Unsere Seele verhält sich im normalen Leben in der Welt in einer ganz bestimmten Art. Aber diese Art kann verändert werden, und diese Veränderung ruft die Möglichkeit hervor, daß wir an die Geistesweit ebenso Fragen stellen können, wie wir an die Naturerscheinungen und ihren Verlauf Fragen stellen durch das Experiment. Nicht mit äußeren Versuchen und Werkzeugen können wir eindringen in die Geisteswelt, wohl aber dadurch, daß wir in unserer Seele Kräfte erwecken, die sonst schlummern, die sonst in dieser Seele, wenn wir wissenschaftlich sprechen wollen, latent sind. Es gibt ganz bestimmte Seelenübungen - sie können hier nur angedeutet werden und sind ausführlich besprochen in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» -, intime Verrichtungen unserer Seele, die geeignet sind, unseren inneren Willen in hohem Maße zu stärken, so daß wir in den Stand gesetzt werden, einen Inhalt in unserer Seele oder durch unsere Seele wahrzunehmen, wo wir im sogenannten normalen Leben sonst keinen Inhalt wahrnehmen. Wir erleben dann durch solche Seelenübungen Momente, welche sich zwar vergleichen lassen mit dem Einschlafen des Menschen, aber die doch im Grunde genommen etwas durchaus anderes sind. Was erleben wir zunächst - bloß für die Beobachtung -, wenn der Mensch vom wachen Zustand in den Zustand des Schlafes übergeht? Da erleben wir, wenn wir nur die äußere Beobachtung zu Rate ziehen, das Verdunkeln der äußeren Eindrücke; die äußeren Eindrücke hören endlich ganz auf, sie schwächen sich immer mehr und mehr ab, und endlich, nachdem alle Lust und alles Leid, alle Leidenschaften, Triebe und Begierden zum Schweigen gebracht sind, breitet sich in der Seele das aus, was wir gewöhnlich Bewußtlosigkeit nennen. Da zeigt jene Methodik, auf die sich die Geisteswissenschaft beruft, daß wir in diesem Falle des Einschlafens nur aus dem Grunde von Bewußtlosigkeit reden müssen, weil wir beim Aufhören aller äußeren Eindrücke nicht mehr imstande sind, im Innern unserer Seele so starke Kräfte zu entwickeln, daß diese Seele ihre eigene Wesenheit fühlt und somit auch sich in ein Verhältnis setzen kann zu ihrer Umwelt, in der sie sich dann befindet und die geistig ist. Wenn nun der Mensch einen ganz bestimmten Gedankeninhalt, eine ganz bestimmte Empfindungswelt auf seine Seele wirken läßt, dann wird er fähig, auch dann noch in seiner Seele sich als ein Wesen zu fühlen, wenn alle äußeren Eindrücke schweigen. Er ist dann in der Lage wie der Einschlafende und doch wieder radikal davon verschieden. Er ist dann fähig, bewußt und durch den Willen alle äußeren Eindrücke auszuschließen und auch alles, was sonst in wachem Zustande zu uns spricht durch Sinne und Verstand, und dennoch nicht bewußtlos zu sein, sondern aufleuchten zu lassen in der Seele den vollen Inhalt des Seelenlebens.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Geisteswissenschaft und Menschenzukunft","site_heading":null,"date":"1911-02-24","location":null,"word_count":477,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69a/1911-02-24/p006","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69a/1911-02-24/p006"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/69a/1911-02-24/p006","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}