Geisteswissenschaft und Menschenzukunft
Da zeigt uns die Untersuchung der Menschenseele durch den Blick des Geistesforschers und die Schlüsse, die man daraus ziehen kann, daß das menschliche Bewußtsein in alten Zeiten der Menschheitsentwicklung, die weit hinter dem historisch Erreichbaren zurückliegen, anders war als heute, daß wir sprechen dürfen von Zeiten der Menschheitsentwicklung, in denen die menschliche Seele selbst in einer Art hellseherischem Bewußtseinszustand gelebt hat, allerdings nicht so, wie es beim heutigen geschulten Geistesforscher ist. Der hellseherische Zustand, der vom geschulten Geistesforscher heute erreicht wird, ist ein solcher, der sich mit vollem Bewußtsein abspielt, mit dem vollen, wachen Bei-sich-Sein, das man im normalen Leben auch hat. So war es nicht bei dem alten Hellseher der vorzeitlichen Menschheit. Er hatte ein mehr träumerisches Hellsehen, ein traumhaftes Daseinsbewußtsein. Es ist so, daß wir sagen dürfen: Das, was der Mensch heute in seinen Träumen erlebt, was sich so chaotisch in sein Schlafleben hineinmischt, das ist ein alter atavistischer Rest, eine Art Erbschaft des alten Bewußtseinszustandes. Während heute Traumvorstellungen in der Mehrzahl nichts besonderes zu besagen haben über die Realität der Außenwelt, waren jene alten Bewußtseinszustände Bildvorstellungen, die sich zwar mit unseren Traumvorstellungen vergleichen lassen, aber doch davon sehr verschieden waren. Bild- Vorstellungen, die vielfach symbolisch "waren, waren der Inhalt eines alten hellseherischen Bewußtseins, das noch nicht durchzogen war von jener Intellektualität, die wir heute im normalen Tagesbewußtsein haben. In der Seele der Menschen der Vorzeit wogten diese Bilder auf und ab. Ein solches Bilderbewußtsein hatten die Menschen der Vorzeit nicht etwa immer; es wechselten auch bei ihnen wache Zustände und Schlafzustände, aber während diese bei uns ineinander übergehen und einen im wesentlichen bedeutungslosen Traumzustand zwischen sich haben, war in den alten Zeiten ein dritter Bewußtseinszustand vorhanden, der Zustand eines solchen Bilderbewußtseins, in dem nicht unsere sinnlichen Vorstellungen auf- und abwogten in der Seele, sondern Sinnbilder, wie sie ja in abgeschwächtem Zustande höchstens heute noch die Kunst hat. Diese Sinnbilder schwebten mit voller Lebendigkeit in diesen drei Bewußtseinszuständen auf und ab, und sie waren nicht etwa so wie unsere Traumvorstellungen, daß wir sie nicht beziehen dürfen auf eine Realität, sondern sie waren in deutlicher Weise auf eine Wirklichkeit gerichtet, so daß durch sie die äußere Wirklichkeit erkannt wurde, wenn auch nur in Sinnbildern. Man erlebte eine Geistesweit, die hinter der Sinneswelt stand. So hatten die Menschen der Vorzeit ein Bilderbewußtsein, das ihnen entbehrlich machte unsere heutige Intellektualität und unsere heutige Weisheit des wachen Bewußtsein. Dafür sahen sie in eine Geisteswelt hinein, aber in eine Geisteswelt, anzuschauen in den Bildern eines traumhaften Hellsehens. Man kann nun fragen: Gibt es denn in der äußeren Welt gar nichts, das uns einigermaßen belegt, was ihr Geistesforscher da seht, wenn ihr zurückschaut in die Vorzeit? Gibt es denn gar nichts, was einen Beleg dafür liefern kann, daß einstmals die Menschheit hineingeschaut hat in die geistigen Welten? - O, so etwas gibt es! Nur müssen die Menschen dieses Etwas in richtiger Weise deuten lernen. Was ist uns erhalten aus der grauen Vorzeit der Menschheit von Versuchen, in das innere Wesen der Dinge einzudringen? Bei der vorzeitlichen Menschheit suchen wir vergeblich nach einer Wissenschaft, wie wir sie heute haben, aber es sind uns erhalten die Legenden und die Mythen. Nun, der aufgeklärte Mensch der Gegenwart sagt: das entspricht den kindlichen Phantasien der Vormenschheit; jetzt sind wir eingetreten in das Mannesalter der Wissenschaft. - Wer sich aber in die Mythen der verschiedenen Völker vertieft, der erlebt da etwas ganz anderes als solch ein oberflächlicher Beurteiler, er erlebt da, daß diese Bildervorstellungen in wunderbarer Weise überall zusammenhängen [mit dem geistigen Leben der Menschheit]. Und wenn man eindringt in diese Vorstellungen, so eröffnen sich uns die Hinweise auf die tiefen Zusammenhänge mit diesem geistigen Leben der Menschheit und ihrer Kultur, und man bekommt immer mehr Respekt, immer mehr Hochachtung für die wunderbare Ausgestaltung der Bilder in den alten Mythen und Legenden, so großen Respekt, daß man sich oftmals sagt: Was sind alle Philosophien der Gegenwart gegenüber den wunderbaren Bildern, die uns in den Mythen erhalten sind. Sie stimmen so über die ganze Erde hin zusammen und sie stimmen so mit dem überein, was der Geistesforscher durch seine Methode in der Geisteswelt finden kann, daß wir uns fragen müssen: Ja, woher kommen denn diese alten Vorstellungen, die über das ganze Erdenrund zu finden sind, woher sind sie? Eine wirklich gewissenhafte Forschung findet die Erklärung nur, wenn sie sich sagen kann, daß diese Dinge Überreste eines alten Hellsehens sind. Und es ist ein durchaus falsches Urteil, unsachlich gefällt, wenn man sagt, die Mythen der alten Völker seien kindlicher Phantasie entsprossen. Nein, verstehen können wir sie nur, wenn wir uns sagen, da haben unsere Vorfahren hineingeschaut mit ihrem hellseherischen Bilderbewußtsein [in die Geisteswelt]. Noch um die Wende des 18. zum 19.
Cite:
GA 69a/1911-02-24/p013 · edition original