Geisteswissenschaft und Menschenzukunft
Da kommen wir zu dem großen Gesetz, das auch in der Natur zu beobachten ist, das aber im Geistesleben der Menschheit besonders augenfällig ist: daß für die Ausbildung einer bestimmten Kraft zunächst eine andere zurücktreten muß. Diese alten Menschen, die in gewissen Zuständen ihres Bewußtseins die Möglichkeit hatten, hineinzuschauen in eine Geisteswelt, die hatten noch nicht unseren heutigen intellektuellen Verstand; sie hätten keine Wissenschaft, keine Kultur in unserem heutigen Sinn begründen können. Alles Intellektuelle mußte sich erst entwickeln. Entwicklung ist etwas, was uns in bezug auf das Seelenleben zu den tiefsten Fragen führt. Unsere Intelligenz, unsere verstandesmäßige Erfassung der Welt, die Seelenverfassung, die wir heute haben, wo wir total auf unsere Sinne bauen und die sinnliche Wahrnehmung mit dem an das Gehirn gebundenen Verstand kombinieren, alles das, was wir im Alltagsleben uns vorstellen und was wir in der Wissenschaft treiben, das konnte in das allgemeine menschliche Bewußtsein nur dadurch hineinkommen, daß für eine Weile das alte Heilsehen zurücktrat, übertönt wurde vom intellektuellen Bewußtsein. Das alte hellseherische Bewußtsein mußte zurücktreten, damit die intellektuelle Kultur innerhalb der Menschheit sich entwickeln konnte. Wer nur ein wenig den Grundcharakter des Mittelalters zu beachten versteht, der weiß, daß die eigentümliche Erscheinung der Geistesentwicklung des Mittelalters zu erklären ist, wenn man weiß, daß dieses Mittelalter die Zeit ist, in welcher nach und nach die Möglichkeit des alten Hellsehens verschwindet. Der größte Impuls in der Menschheitsentwicklung, der Christus-Impuls, der einmal die Menschheit zum vollen Hellsehen hinaufführen wird, hatte die Aufgabe, das alte Hellsehen zurücktreten zu lassen. Und so sehen wir, daß mit dem Heranbrechen der neuen Zeit sich eine eigenartige Erscheinung zeigt: das alte Hellsehen tritt zurück, nur die Überlieferung an jene Wahrheiten, die man durch das alte Hellsehen gewonnen hatte, bleibt. So pflanzten sich im Mittelalter die Wissenszweige fort, welche gewonnen waren auf der Grundlage eines alten Hellsehens, aber man wußte das gar nicht mehr, man hatte nur die Ideen begriffen, die in der Urzeit gefunden waren, ja, man wandte sie sogar gegen den Ausgang des Mittelalters ganz falsch an. Ein Beispiel: Aristoteles, der alte griechische Philosoph der vorchristlichen Zeit, stand schon am Wendepunkt zu dem Zeitalter, in dem die intellektuelle Bildung der Menschheit begonnen hatte, aber er sah noch zurück, obwohl fast nur noch in dunkler Ahnung an die Zeit, in der die menschliche Natur nur durch das Hellsehen etwas gewußt hat, zurück auf die Vorgänge der menschlichen Begriffsvorstellung und Empfindungen, überhaupt in die menschliche Entstehung, und diese schildert er. Er konnte es nicht mehr sehen, da er nicht mehr dem Zeitalter angehörte, wo man durch das alte Hellsehen einzudringen vermochte in die Geisteswelt, er hatte nur die Überlieferung. Da sagte er: Wenn der Mensch in seiner seelischen Tätigkeit, in seinem wachen Zustande ist, dann haben wir es im Menschen zunächst mit dem zu tun, was man physischen Leib nennen kann, und dieser hat seine Organe. Aber Aristoteles wäre noch durchaus abgeneigt gewesen, in materieller Weise in diesem physischen Leib das einzige zu sehen, was die menschliche Wesenheit ausmacht. Er wies hin auf ein nächsthöheres Glied, das seinen Mittelpunkt da habe, wo etwa das menschliche Herz ist, und von diesem übersinnlichen Glied gehen gewisse Strömungen aus, die besonders zum Gehirn hinaufgehen und sich als übersinnliche Strömungen im Menschenleibe verbreiten. Diese Strömungen wurden noch im Mittelalter «kaltes Licht» genannt, das namentlich in das Gehirn hinein sich ergieße, um da die physischen Organe des Gehirns zu beleben. Noch im Mittelalter sprachen die Menschen von diesem kalten Licht, das sich von da ausbreitet, wo das physische Herz liegt.
Cite:
GA 69a/1911-02-24/p016 · edition original