Geisteswissenschaft und Menschenzukunft
Aristoteles kann man nur verstehen, wenn man weiß, daß das, was er vom Herzen ausgehen läßt, übersinnlich gemeint ist, daß er nicht physische Stränge, Organe oder dergleichen meint. Nun kam das Mittelalter. Die Leute verloren das Verständnis für das Hineinschauen in die alte Welt. Sie lasen Aristoteles, und das ganze Mittelalter hindurch war der Glaube an Aristoteles wie ein Glaube an die Bibel. Aristoteles war die Grundlage für die Naturwissenschaft, für die Medizin, für alles. Alles wurde auf die Grundlagen des Aristoteles aufgebaut. Aber der Mensch hatte keine Vorstellung mehr von dem, was eigentlich Aristoteles meinte. So konnte eine eigenartige Vorstellung sich gerade bei den Aristoteles-Gläubigsten entwickeln, bei denen, die wacker an ihn glaubten, aber ihn nicht mehr verstanden. Denn bekanntlich ist es ja nicht notwendig, daß alles verstanden wird, woran man glaubt. Es konnten sich Vorstellungen entwickeln, daß mit dem, was vom Herzen ausgeht, nicht übersinnliche Strömungen, sondern sinnliche Stränge gemeint seien. Und so glaubten die Aristoteles-Gläubigen, vom Herzen gingen die Nerven aus.
Cite:
GA 69a/1911-02-24/p017 · edition original