{"corpus":"steiner","locus":"GA 69a/1911-02-24/p020","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Keinem der alten hellseherischen Weisen wäre es eingefallen zu sagen, die Geisteswelt sei «oben», da sei ein blaues Himmeszelt, das schließe unsere Welt ein. So haben die alten Hellseher nicht gedacht, so wurden sie erst mißverstanden in der späteren Zeit. Da wies man hinauf auf den Fixsternhimmel als eine Art Schale, die unsere Welt umgibt. Es war ein großer Augenblick, als Kopernikus den Menschen die Erde gleichsam unter den Füßen wegzog. Ein großer Augenblick war es, als Giordano Bruno diese «Schale» in die Unendlichkeit des physischen Raumes hinaus verwies. Aber Giordano Bruno setzte neben das sinnliche Bild noch etwas anderes. Wir brauchen uns nur ein paar Worte des Giordano Bruno vor die Seele zu rufen und wir werden sehen, daß er die große Tat vollbrachte, neben dieses sinnliche Bild ein geistiges Bild hinzustellen. Er sprach aus, daß alles, was uns umgibt in der sinnlichen Welt, wurzelt in den Gedanken des Geistes der Welt, und das, was in den Gedanken des Geistes der Welt wurzelt, das offenbart sich in der äußeren Form, in dem, was wir mit den Sinnen anschauen. Wenn also Giordano Bruno in den unendlichen Weltenraum hinausweist und das Wesen der Dinge sinnenfällig aufsucht, so war dies für ihn doch nichts anderes als die Verleiblichung der Gedanken des Weltengeistes. Die Vorstellungen des Menschen nennt Giordano Bruno Schatten der Göttergedanken, nicht etwa Schatten der äußeren Dinge. Wenn also Giordano Bruno den physischen Blick auf die äußere Welt richtet, dann geht geheimnisvoll in seine Seele ein der Gedanke des Weltengeistes, und die menschlichen Begriffe sind nicht Schatten der äußeren sinnlichen Dinge, sondern der Gedanken des Weltengeistes. Das ist von unendlicher Wichtigkeit, daß wir in Giordano Bruno einen großen Geist vor uns haben, welcher hinausweist in die Raumesfernen, aber ebenso kräftig auf das, was die menschliche Seele verbindet mit dem Urgeist des Weltendaseins. Prüfen wir, was dem zugrundeliegt in der Seele des Giordano Bruno, so tritt deutlich hervor, daß ihm eine Intelligenz, eine Gesinnung zugrundehegt, die sich durchaus schon vergleichen läßt mit der Intelligenz und der Gesinnung der heutigen Wissenschaft, die aber noch befruchtet war von den Überlieferungen des alten Hellsehens. Man darf sagen, ein Schatten selbst des alten Hellsehens und des Sich-verwandt-Fühlens mit der göttlich-geistigen Welt lebte noch in der Seele des Giordano Bruno. Aber es blieb uns bloß das Bild, das er von der äußeren sinnlichen Welt entwarf, und nicht mehr, was in ihm damals noch lebendig war. Das Bild des alten Hellsehens, das in ihm lebte, verschwand. Man braucht die Entwicklung bloß vorurteilslos bis in unsere Gegenwart hinein zu verfolgen, dann wird man sehen, daß immer mehr und mehr der bloße Intellekt, dieses bloß äußere Anschauen der sinnlichen Welt Verbreitung gefunden hat im allgemeinen normalen Bewußtsein der Menschheit.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Geisteswissenschaft und Menschenzukunft","site_heading":null,"date":"1911-02-24","location":null,"word_count":449,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69a/1911-02-24/p020","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69a/1911-02-24/p020"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/69a/1911-02-24/p020","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}