Geisteswissenschaft und Menschenzukunft

GA 69a/1911-02-24/p021 ·1911-02-24 · original (original)
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Was ist von unserem Zeitalter deshalb zu sagen? Da ist zu sagen, daß wir so recht im Zeitalter des Intellekts, des Verstandes und dessen Anwendung auf die Sinneswelt leben. Nun muß man im Sinne der Geisteswissenschaft die eigenartige Wirkung des Intellekts selber untersuchen, der bloßen Vernunfterkenntnis der menschlichen Seele gegenüber der hellseherischen Erkenntnis. Diese unterscheidet sich wesentlich von einer Erkenntnis aus Intellekt oder sinnlicher Beobachtung. Der Unterschied besteht darin, daß alle hellseherische Erkenntnis, die irgendwie die Verbindung des Menschen mit der Geisteswelt herstellt, hineinwirkt in unser Gemüt, und daß sich daraus ein Gefühl, eine Empfindung ergibt von der Stellung und Lage des Menschen im gesamten Weltall. Kraftvoll ist die hellseherische Erkenntnis, sie gießt hinein in unsere Seele Empfindung und Gefühl, sie befriedigt unsere Sehnsüchte, stärkt unsere Hoffnung, entzündet unsere Liebe. Es ist undenkbar, daß der Mensch an der übersinnlichen Erkenntnis teil hat, ohne daß sie sich umsetzt in Gefühl und Empfindung. Daher sehen wir, wie die bildhaften Legenden und Mythen in den Vorstellungen der Alten nicht gleichgültig aufgenommen wurden, sondern so, daß die ganze Seele entweder entzückt sein konnte und hingegeben an eine übersinnliche Welt oder aber zerknirscht über ihre eigene Kleinheit. Das gehört auch zum Wesen der Intelligenz, daß sie in gewisser Weise verdunkelnd wirkt auf all das, was als übersinnliche Erkenntnis da ist. Wir können das in unserem gewöhnlichen Seelenleben beobachten. In dem Augenblick, wo irgendeine bildhafte Vorstellung, die, wie man sagt, intuitiv oder auf dem Wege der Inspiration auftaucht, eingefaßt wird in abstrakte Begriffe, verschwindet der tiefe Empfindungsgehalt, den sie für die gesamte Persönlichkeit und das gesamte Seelenleben gibt. Intellekt ist in hohem Grade verständnisbringend, aber auslöschend für alle unmittelbare seelische Wirkung der übersinnlichen Erkenntnis.

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