Ergebnisse der Geistesforschung für Lebensfragen und das Todesrätsel
Das menschliche Schicksal wirft auf Schritt und Tritt besonders große, ernste Fragen auf. Wir sehen, wie der eine Mensch ins Dasein hereintritt und von Geburt an umgeben ist von Sorgen und Mühen derjenigen, die für ihn zu sorgen haben, daß ein mehr oder weniger schmerzerfülltes Dasein sein Schicksal sein wird; oder wir sehen, wie er nur geringe Fähigkeiten und Anlagen zeigt, so daß er kein wertvolles Glied der Menschheit werden kann. Ohne Schuld oder Verdienst dagegen schreitet ein anderer Mensch ins Dasein, früh umgeben von sorgenden Händen, so daß ein gewiß glückliches Dasein sein Schicksal sein wird; wir sehen, wie sich bei ihm auch früh Fähigkeiten zeigen, die ihn zu einem nützlichen Glied der Gesellschaft werden lassen. Vielleicht kann man diese Fragen mit dem Verstand abweisen und sie nicht an sich herankommen lassen. Aber dann, wenn unsere Empfindungen sprechen gegenüber dem Leben, wenn unsere Wünsche sich auseinandersetzen müssen mit den Lebensverhältnissen, dann tauchen in unterbewußten Lebenstiefen alle Wünsche und Empfindungen auf, die bange Sehnsucht erwecken nach einer Antwort auf solche Fragen. Und vielleicht nicht in der Wißbegierde, wohl aber in der Lebensfreudigkeit oder -Verstimmung kann man fühlen, wie die Seele drängt, etwas zu wissen, was in der angedeuteten Richtung liegt.
Cite:
GA 69a/1913-02-16/p005 · edition original