Ergebnisse der Geistesforschung für Lebensfragen und das Todesrätsel
In ganz besonderer Weise tritt auch das Todesrätsel an den Menschen heran. Was die Menschen von der Unsterblichkeit wissen, nimmt sich ja oft nicht wissenschaftlich aus. Wieviel Leidenschaft, wieviele Vorurteile liegen in dieser Frage. Todesfurcht oder der Wunsch, das Dasein zu verlängern sprechen mit bei der Wertung der Frage und bei der Antwort, die sich die meisten geben wollen. Als die Naturwissenschaft sich anschickte, als eine Weltanschauung hervorzutreten, gab es Leute, welche die Möglichkeit einer Seelenfortdauer ganz leugneten, und man darf sagen, unter diesen Leugnern waren viele, die oftmals moralisch und ethisch viel höher standen als diejenigen, die eine Unsterblichkeit annahmen. Es waren Menschen, die sich sagten: Das, was wir uns erarbeitet haben, was wir hereingeschafft haben während unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod, das wollen wir hinopfern der Allgemeinheit. - Diese Menschen haben darin etwas sittlich Höheres gesehen als den egoistischen Wunsch, das Erarbeitete weiterzutragen. Man kann nicht in Abrede stellen, daß solche Menschen 'wirklich zu den moralischen Naturen gehört haben. Und dennoch - es gibt einen Gesichtspunkt, von dem aus die Unsterblichkeitsfrage in ganz wissenschaftlicher Weise aufgeworfen werden muß, wenn man diese Wissenschaftlichkeit auch heute noch nicht voll fühlt. Fragen wir uns mit ein bißchen Selbsterkenntnis: Was hat das für einen Charakter, was der Mensch schafft und namentlich, was er als Mensch wird? - In seiner innersten Natur hat das einen persönlichen, einen individuellen Charakter. Mit einiger Selbstbeobachtung kann man sagen: Das Beste ist so besonders bei jeder Seele, daß wir dieses Beste gar nicht einer Allgemeinheit geben können; es ist unmöglich, dieses Beste einer Allgemeinheit zu geben. Und würde nach dem Tode unser Bewußtsein unseres Seelenseins vernichtet sein, dann wäre das Wertvollste nicht für uns allein, sondern für die Weltökonomie verloren. Sollte es wahr sein, daß der Mensch ein Wertvollstes erarbeitet, und dann in einem Moment vernichtet wird, was für ihn das Wertvollste ist auf der Erde - so etwas geschieht nirgends sonst im weiten Umfang des Alls. Was geschieht, das ist, daß Kräfte, die aufs höchste gespannt sind, der Weltökonomie einverleibt werden. Da wird die Frage erst wissenschaftlich.
Cite:
GA 69a/1913-02-16/p006 · edition original