Ergebnisse der Geistesforschung für Lebensfragen und das Todesrätsel
Jeden Tag sehen wir, wie das Bewußtsein während des Schlafes ins Nichts versinkt. Nehmen wir einmal die Tatsache des Einschlafens - ganz abgesehen von wissenschaftlichen Hypothesen. Die Glieder hören auf, ihre Dienste zu tun, die Seele fühlt sich entfremdet den Sinnen, dem Innenleben, das an die Leiblichkeit gebunden ist; dann beginnt die Finsternis der Bewußtlosigkeit. Nun gibt es viele naturwissenschaftliche Anschauungen darüber; wir wollen sie heute nicht berühren, obwohl es sehr interessant wäre, was in unserer Zeit alles an Versuchen geboten wird. Aber wir wollen geisteswissenschaftliche Betrachtungen anstellen. Zunächst als Annahme oder Hypothese, was Geisteswissenschaft über den Schlaf zu sagen hat. Aus dieser Hypothese werden sich dann gewissermaßen die Tatsachen ergeben. Geisteswissenschaft sagt, es ist unlogisch anzunehmen, daß das ganze Tagesleben mit all seinen Erlebnissen am Abend ins Nichts versinke und am Morgen neu geschaffen werde. Diese Erlebnisse müssen irgendwo noch da sein. Andererseits muß Geisteswissenschaft sich der Ansicht anschließen, die auch Du Bois-Reymond ausgesprochen hat, daß, wenn man den schlafenden Menschen betrachtet, wie er im Bette liegt, man an ihm nichts entdecken könne an Ursachen, warum ihn Vorstellungen erfüllen sollten, wie sie das ganze wache Tagesleben in sich schließt. Das alles - die Vorstellungen, Erinnerungen und so weiter des wachen Tageslebens sieht Geisteswissenschaft als geistig-seelische Wirklichkeit an, die sich während des Schlafes aus dem physischen Leib und dem Ätherleib zurückzieht und in die geistige Welt hinübertritt, so daß der Mensch mit seinem inneren Dasein allerdings außerhalb des physischen Leibes ist. Dann ist der Mensch in der geistigen Welt und des Morgens taucht dieses Geistig-Seelische des Menschen wiederum unter in die Leiblichkeit, in das Gebiet der Sinne, des Gehirns und so weiter. So haben wir den Menschen während des Schlafes gleichsam gespalten in ein leibliches Wesen und ein geistig-seelisches Wesen; im Wachen treten beide wieder zusammen.
Cite:
GA 69a/1913-02-16/p008 · edition original