{"corpus":"steiner","locus":"GA 69a/1913-02-16/p027","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Nein, er hat das umgedacht, was man früher aufgrund der Sinneswahrnehmungen gedacht hatte. Kopernikus hatte den Mut und die seelische Kraft, das sinnlich Wahrnehmbare neu zu deuten. Daraus entstand die neue Astronomie, die nicht durch Sinneswahrnehmungen zustandegekommen ist. Auch Giordano Bruno hat die Sinneswahrnehmung durchbrochen, indem er den Himmel nicht als Grenze ansah. So wie das blaue Himmelsgewölbe durch die Begrenztheit des menschlichen Anschauungsvermögens entsteht, so entsteht das Firmament des Seelenlebens zwischen Geburt und Tod. Wir stehen geisteswissenschaftlich auf der Stelle Giordano Brunos. Geburt und Tod, diese Grenzen durchbricht die Geisteswissenschaft. Wie Giordano Bruno Räume durchbrochen hat, so durchbricht die Geistes- Wissenschaft die Zeiten. Galilei führte einen Freund, der ein Anhänger des Aristoteles war und irrtümlich aus Aristoteles herausgelesen hatte, die Nerven gingen vom Herzen aus, vor eine Leiche, um ihm zu zeigen, daß die Nerven vom Gehirn ausgehen. Da sagte der Freund: Ja, es sieht so aus, aber bei Aristoteles steht es anders, und dem glaube ich mehr. - Heute kommen die Leute und sagen: Es mag leidlich klingen, aber bei Haeckel steht es anderes. - Hier nun gilt der Schopenhauersche Satz: Die Wahrheit mußte immer darunter leiden, daß sie, wenn sie ins Dasein tritt, paradox erscheint, denn sie kann sich doch nicht auf den Thron des allgemein verbreiteten Irrtums setzen. So blickt sie zu ihrem Schutzengel auf, der Zeit, dessen Flügelschläge aber so langsam gehen, daß, wer die Wahrheit erkannt hat, oft darüber stirbt. - Wir müssen uns klarwerden, daß der Einwand unberechtigt ist, daß nur der Geistesforscher etwas wissen könne über die geistige Welt. Um die Wahrheiten zu finden, hat man alles das durchzumachen, aber die Geistesforschung verhält sich zur Geisteswissenschaft wie das, was der Maler zu lernen hat, zu seinem Bilde. Aus dem Bilde können wir etwas erkennen. Was der Geistesforscher erforscht hat, kann man begreifen, wenn man nur mit gesundem Menschenverstand herantritt an das, was er zu sagen hat. Dann sind es ja Wahrheiten, die uns Lebensfreude geben, die uns hinwegheben über Hilflosigkeit und uns Sicherheit verleihen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Ergebnisse der Geistesforschung für Lebensfragen und das Todesrätsel","site_heading":null,"date":"1913-02-16","location":null,"word_count":332,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69a/1913-02-16/p027","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69a/1913-02-16/p027"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/69a/1913-02-16/p027","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}