IX. Moses, seine Lehre und seine Mission
Nun kam, während die Entwicklung Ägyptens ablief, eine neue Zeit. Die Uhr der alten, hellseherischen Kultur war abgelaufen, und aufgehen sollte innerhalb dieser Kultur der alten Völker eine intellektuelle Kultur, die auf Verstand, auf Vernunft im gewöhnlichen Sinne, auf das intellektuelle Kombinieren und Erfassen der Dinge der Außenwelt gerichtet war. Diese intellektuelle Kultur, diese Art Seelenverfassung, sie reicht noch weit in unsere Gegenwart herein. Wir selber haben die Eigentümlichkeit, daß wir in unserer Seele noch das tragen, was sich damals hineinstellen mußte in den Ablauf der ägyptischen Kultur, nämlich das, was wir als unsere Intellektualität haben, als unsere Art, die Dinge anzuschauen. Bis zu uns reicht das, was dazumal in Ägypten an die Stelle der altägyptischen Kultur treten mußte. Um [den Menschen] das verstandesmäßige Erfassen der Umwelt zu bringen - im Gegensatz zu der alten, hellseherischen Kultur -, dazu war die Persönlichkeit des Moses ausersehen. Daher ist es kein Wunder, daß die Tat des Moses bis zu uns reicht, bis in unsere Seelen ihre Ausläufer hereinschickt. Weil damit gerade jene Art der menschlichen Seelenverfassung fruchtbar gemacht worden ist, der wir selbst noch angehören, fühlen wir uns noch immer in gewisser Weise mit der Tat des Moses verwandt. Moses wurde hineingestellt in das ägyptische Volk, und er sollte aus der ägyptischen Kultur die moderne Verstandeskultur in ihrer allerersten Basis begründen. Er begründete das Neue, auf das die Weltenuhr eingestellt war, und die altägyptische Kultur ging darüber hinweg und mußte verfallen. Er aber trug das, was er zu geben hatte, in das ihm angestammte Volk hinein, das er herausführte aus dem Zusammenhang des Ägyptertums und in dem sich der Keim der Verstandeskultur der Menschheit entwickeln sollte.
Cite:
GA 69b/1911-02-13/p015 · edition original