II. Christus und das zwanzigste Jahrhundert
Über dieses eben gekennzeichnete Problem soll nun vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus einiges, wenn auch nur Skizzenhaftes, gesagt werden. [Aber was diese Geisteswissenschaft zu sagen hat, ist doch so, dass sich aus ihr die begründete Hoffnung ergibt: Der Christus, der den Menschen äußerlich unwiederbringlich genommen ward, kann ihnen wieder zurückgegeben werden.] Die Gestalt des Christus, wie sie sich aus der Geisteswissenschaft ergibt, ist etwas den allgemeinen Bekenntnissen und Urteilen «Zuwideres», ist ihnen geradezu widerwärtig. Das, was heute Abend zu sagen ist, wird nicht nur auf Widerspruch stoßen, sondern es wird auch aufgenommen werden als Träumerei, als Phantasterei. Im Rahmen eines einzigen Vortrages ist es nicht möglich, alles zu dieser Frage zusammenzutragen, aber durch die Mitteilung dessen, was die Geisteswissenschaft gefunden hat, wird vielleicht auch noch das eine oder andere nachher herauskommen. Eigentlich wird die Frage nur durchsichtig, wenn wir auf die verschiedenen Auffassungen der Menschen über den Christus im Laufe der Jahrhunderte zurückblicken.
Cite:
GA 69c/1912-02-22/p004 · edition original