II. Christus und das zwanzigste Jahrhundert
Wir können nicht alle einzelnen Etappen der ChristusAnschauungen [durchgehen], aber einzelne nennen, zum Beispiel bei tiefen Denkern des Mittelalters. Bei ihnen herrschte der intensivste Glaube, aber die Erhebung zu gnostischen Vorstellungen war ihnen nicht möglich. Unmöglich war es im Mittelalter, über die christliche Gnosis nachzudenken. Solch ein Denken wäre als Phantasterei erschienen. Im Mittelalter beschränkte sich der Blick auf das, was unterhalb der Sphäre der Gnostiker liegt. Aus Aristoteles, [aus dessen] vierhundert Jahre vor Christus [geschaffenen Gedankenwelt] schöpften sie; Aristoteles war damals der «Tonangeber». Der spirituelle Flug wurde dem [Gebiet des] Glauben[s] zugeschrieben. Aristoteles sagte: Alles, was den Reichen der Natur zugrunde liegt, ist Geistiges; nur nahm er die Reinkarnation des menschlichen Seelenkerns nicht an. Ihn interessierte, was gesetzmäßig zu erkennen ist, ihn interessierte nur ein einheitlicher Gott. [Nach seiner Auffassung] löst sich bei jeder Geburt das menschliche Seelenwesen aus der einheitlichen göttlichen Substanz. Aber nach dem Tode kehrt die Seele nicht in das Göttliche zurück, sondern bleibt als einzelner Mensch in der geistigen Welt vorhanden. Für Aristoteles ist die ganze übersinnliche Welt rein erkenntnismäßig. Der Mensch blickt [nach seinem Tode] zurück auf sein Erdenleben und findet dann seinen Lohn oder seine Qual, ewige Strafe und Belohnung. Das hängt mit der Wissenschaft des Aristoteles zusammen — Franz Brentano, [ein großer Kenner des Aristoteles, hat sich in seinen Werken ausführlich darüber geäußert]. Die mittelalterlichen Gelehrten wiesen zwar auf ein Wissen über die geistige Welt hin, aber bei ihnen war [der erkenntnismäßige Zugang zum Geistigen] ausgeschlossen — das Gebiet der Gnosis, zu welchem man [durch] Erkenntnis [einen Zugang] gewinnen kann.
Cite:
GA 69c/1912-02-22/p009 · edition original