Von Jesus zu Christus
Was Missverständnisse über Missverständnisse, Ablehnungen über Ablehnungen gegenüber der Geisteswissenschaft hervorruft, das ist, dass die Geisteswissenschaft, trotzdem sie Fortsetzung der naturwissenschaftlichen Denkungsweise ist, im Grunde genommen an die menschliche Seele ganz andere Anforderungen stellt als diese naturwissenschaftliche Denkungsweise selbst. Wie fragt jene Denkungsweise, die aus der Naturwissenschaft heraus mit Recht geboren ist und welche heute immer mehr und mehr die Gemüter der Menschen ergreift? Wie stellt sich diese Denkungsweise zu den höchsten Fragen des geistigen Lebens? Sie fragt: Was kann der Mensch erkennen? Wie weit reicht die menschliche Erkenntnis? — Und das soll gleich gesagt werden: Es ist diese Frage im höchsten Grade wertvoll, und die Geisteswissenschaft wird nichts dagegen haben. Es ist im höchsten Grade bewundernswert, wenn Philosophen oder andere Denker sich damit befassen, festzustellen, wie weit das menschliche Denken, das menschliche Erkennen reichen kann, unter der Voraussetzung, dass die menschliche Seele ebenso ist, wie man sie im Alltagsleben in der gewöhnlichen Wissenschaft beobachtet. Da kommt man sehr leicht dazu zu sagen: So weit geht menschliches Erkennen, bis zu dieser Grenze reicht es, über diese Grenze kommt es nicht hinaus. - Es ist dies ja etwas, dem man heute täglich begegnen kann. Dieses kann man nach den Voraussetzungen des Menschengeistes erkennen, jenes aber nicht. Geisteswissenschaft steht ganz und gar auf einem völlig anderen Gesichtspunkt.
Cite:
GA 69c/1913-11-15/p005 · edition original