Von Jesus zu Christus
Wenn der Geistesforscher das in sich durchmacht, wovon ich gesagt habe, dass es ein Vorgang der Seele ist, also dass die Seele sich in eine geistige Welt hineinlebt und das geistig erlebt, was sie sonst sinnlich-physisch erlebt, so erlebt sie im Geiste eben eine Summe von geistigen Wesenheiten. Aber sie erlebt diese Vorgänge auf eigenartige Weise, je nachdem, ob sie noch im physischen Leib, während des gewöhnlichen physischen Daseins, den Christus, den Christus-Impuls, in sich erlebt und erfühlt hat oder dies nicht getan hat. Man kann auch heute ein Geistesforscher sein, ohne irgendeinen inneren, geistigen Zusammenhang mit dem Christus-Impuls zu haben. Man kann eine seelische Entwicklung durchmachen, man kann geistig schauen lernen, und man wird vieles, was Weltengeheimnisse sind, was der Welt zugrunde liegende Mysterien sind, durch geistig-seelisches Schauen erkunden, aber man wird nichts erkennen können von dem Christus-Impuls und seiner Wesenheit! Hat man noch im physischen Leib vor dem geistigen Schauen eine Gemütsbeziehung zu der Christuswesenheit hergestellt, dann bringt man diese in die geistige Welt hinein; man behält das, was man als Christus-Erlebnis hier im physischen Leibe erlangt hat, auch für die geistige Welt wie eine Erinnerung. Und man durchschaut dann, dass man in diesem physischen Leib, von dem man ja in der geistigen Schau getrennt ist, schon einen Zusammenhang mit der geistigen Welt haben konnte: Dieser Geisteszusammenhang ist der Zusammenhang mit der Christuswesenheit. Man schaut, dass der heutige Mensch seinen Zusammenhang mit der Geisteswelt verlieren müsste, wenn er ihn nicht suchen wollte auf dem Umweg durch die Christuswesenheit. Gerade als Geistesforscher lernt man erkennen, wie unendlich notwendig es seit dem Mysterium von Golgatha ist - um in sich den Zusammenhang mit dem geistigen Innenleben aufrechtzuerhalten -, diesen Zusammenhang zu suchen in der Beziehung der Menschenseele zu dem Christus-Impuls. So erscheint der Christus-Impuls als dasjenige, was der Menschheit gegeben ist als Geistiges in einer Zeit, in der die alten Erbstücke, die in der Menschheitsentwicklung in der vorchristlichen Zeit vorhanden waren, nun nicht mehr vorhanden sind. Was der Mensch erlebt nach dem dreiRigsten bis fünfunddreißigsten Jahre, erlebte die ganze Menschheit seit dem Beginn unserer Zeitrechnung. Unsere Innenkultur in dem gesamten äußeren Leben ist ja das, was die Seele während des Alltags erlebt. Die Menschheitsentwicklung hat aber keinen Leib wie der einzelne Mensch. Verloren hätte die Menschheitsentwicklung ihren Zusammenhang mit der göttlichen Geistigkeit, der vorher durch die jugendfrischen Kräfte noch vorhanden war, wenn nicht ein außerordentliches Wesen - ein Wesen, das aus dem Kosmos auf die Erde heruntergestiegen ist — sich in die Erdenmenschheitsentwicklung ausgegossen hätte und der Mensch dadurch seinen Zusammenhang mit der Geisteswelt wieder finden kann.
Cite:
GA 69c/1913-11-15/p038 · edition original