XIV. Wie kann man von übersinnlichen Welten wissen?
Nun ist es aber natürlich, ein wenig die Eigentümlichkeiten der Seelenwinterzeit, also des Wachzustandes zu betrachten. Der ist ja so, dass die Seele angefüllt ist von Empfindungen, Vorsätzen, Ideen, Idealen und so weiter. Wenn wir dies alles überschauen, dann muss man sagen, dass der Mensch es eigentlich nur halb erlebt, nur teilweise erlebt. Denn betrachten wir nur das menschliche Denken [außerhalb] des Gesamtumrisses des menschlichen Seelenlebens: Wie erlebt sie der Mensch, wenn er die Aufgabe erfüllen will gegenüber dem Leben in der äußeren, physischen Welt, [diese] Seelenwinterzeit? Für seine Gedankenwelt, für alles, was ihm sein Denken gibt, ist es so, dass er sich nur so weit interessiert, dass er fragt: Was bilden die Gedanken von [den] äußeren Wirklichkeiten ab? Welchen Wert als Bilder von Wirklichkeiten haben die Gedanken? Das ist ja zunächst das Hauptinteresse. Und das ganze Seelenleben ist [davon] durchsetzt, vorzugsweise diese [Seite des] Seelenlebens zu entwickeln. Eine andere Frage kommt für dieses sogenannte normale Seelenleben viel weniger in Betracht. Das ist: Kann das Denken nicht einen anderen Wert bekommen als nur den, etwas abzubilden, etwas wie in einem Spiegel zur Repräsentation zu bringen? Wer den Gedanken nur [diesen] Wert zugestehen wollte - die meisten Menschen tun das —, der ist in der Lage wie ein Künstler, wenn er bei einem Werk nur das ansieht, was es abbildet. Da geht [doch] noch etwas ganz anderes vor als [bloßes Abbilden], [und das] geschieht in unserer Seele. Kunst hätte nicht die große Bedeutung für die Menschheit, wenn sie die Seele nicht ständig vorwärts tragen würde, nicht etwas wäre, das sich hineinsenkt in die Seele wie ein Keim, sodass sie ihre Erlebnisse hat, die sie zu etwas ganz anderem tragen, als sie vor der Betrachtung der Kunstwerke waren. Nicht einseitig pädagogisch-pedantische Betrachtung der Kunstwerke [ist das Fördernde], sondern [etwas] wie ein Gesetz der Menschheitsentwicklung in Bezug auf die Kunst. Derjenige, der Gedanken nur gelten lassen will in Bezug darauf, was sie abbilden, der gleicht einem Menschen, der ein Kunstwerk nur daraufhin anschaut, was es äußerlich abbildet. Aber die Seele ist gewöhnt, Gedachtes so zu nehmen, dass es den Wert des Abbildes hat. Der Wahrheitswert wird überall daraus gesucht, ob der Wirklichkeitswert durch die Gedanken getroffen wird. Gedanken, die nicht darauf ausgehen, denen wird ihr Wert größtenteils bestritten. Die Philosophie zum Beispiel, sie hat ihr gutes Recht darauf, sie muss so handeln. Aber fragen muss man, ob diese Begriffe wirklich eine Realität treffen, sich wirklich auf etwas beziehen.
Cite:
GA 69d/1913-03-09/p009 · edition original