XIV. Wie kann man von übersinnlichen Welten wissen?
So sind die gewöhnlichen Gedanken, die der Mensch in seiner Winterzeit so erlebt: Der Mensch bedient sich dieser Gedanken, um der Seele geistigen Inhalt zu geben, die Seele auszufüllen - so wie die Weizenkörner verwendet werden, um Nahrung zu geben. Die Gedanken aber, die für Meditation und Konzentration verwendet werden, sie gleichen den Weizenkörnern, die ausgesät werden, aus denen schlummernde Kräfte herausgeholt werden, die zum Aufsprießen, Aufsprossen gebracht werden. Der Mensch hat von seinen Gedanken nur ihre teilweise Wirksamkeit kennengelernt. Durch die Meditation und Konzentration bewirken wir, dass die Gedanken in unser Seelenleben eingesenkt werden, dass sie eine ganz andere Wesenheit in sich haben; sie sprießen und sprossen auf, und der Mensch erlebt dann, was er sonst in seiner Seelensommerzeit bewusstlos erlebt, jetzt bewusst: eine neue Welt, die sogenannte imaginative Welt. Es tritt vor seiner Seele in der Tat die Frucht seiner Anstrengung auf. Er hat zwar nicht in ganz gleicher Weise wie im normalen Leben die Seelensommerzeit zum Bewusstsein erhoben, aber das, was in der Seelensommerzeit ins Unbewusste hinuntertritt, das hat er zum Aufsprießen, zum Aufsprossen gebracht, wie wenn der Mensch zur Winterszeit aus einzelnen Weizenkörnern eine Vegetation hervorrufen würde. Das ist aber notwendig für den Menschen, dass er die andere Seite seiner Wesenheit kennenlernt, in der das Seelenwesen in seiner Fruchtbarkeit, in seinem sprießenden, sprossenden Leben erscheint. Sonst [wirkt der] Gedanke nur als Bild; jetzt keimt und sprosst es, wenn wir sie, [die Gedanken], so behandeln, nicht bloß als Bild, sondern sie einstreuen und wirklich zum Aufkeimen bringen. Dann führt man wirklich durch Selbsterkenntnis die Seelensommerzeit herbei. Und wie [wir] vorhin hypothetisch [annahmen], dass im Frühling das Bewusstsein entschwunden ist und jetzt eine unbekannte Welt im Sommer [erlebt wird], so überschaut [nun] die Seele eine ihr unbekannte Welt. In der Tat hat unserer Seele Wesensgrund die Fähigkeit, hervorsprießen zu lassen, was sonst unbekannt bleibt, wenn sie nicht auf halbem Wege stehen bleibt, sondern gewissermaßen die Gedanken als Saatkörner verwendet. Nichts anderes ist Meditation, Konzentration, Kontemplation als [das], was sonst unbekannt ruht, mit Gedanken, Gefühlen - auch mit diesen kann es gemacht werden - zur Entfaltung zu bringen, [und] dadurch eine neue Welt.
Cite:
GA 69d/1913-03-09/p014 · edition original