18. Der Ursprung des Bösen und des Übels im Lichte der Geisteswissenschaft
Vor dem eigentlichen Eingehen auf die betreffenden Fragen möchte ich kurz einleitend darauf hinweisen, wie die Frage des Bösen und die der Übel in der Welt durch alle Jahrhunderte hindurch den forschenden Menschen beschäftigt haben, und an dieser unablässigen Beschäftigung dürfte sich schon zeigen, wie tief von der menschlichen Seele das Böse und die Übel empfunden werden. Nur kurz sei darauf hingedeutet, dass die philosophischen Denker von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, nach denen sie das Böse und die Übel in das Leben hineinragen sahen, es versuchten, deren Rätsel zu lösen, aber trotzdem nicht völlig damit zurechtkamen. Lassen Sie uns zurückgehen bis zu jener Philosophie des dritten Jahrhunderts vor Christus, die als Stoizismus bekannt ist und versuchte, aus dem griechischen Gedankenleben heraus Richtlinien für die Prinzipien des Weltalls und des Verhaltens des Menschen zu gewinnen. Da trat bei den Stoikern die andere Frage auf: Wie kommt man mit dem Menschenleben zurecht, wenn man im Leben den Stachel des Bösen in sich fühlt und die sonst so weisheitsvolle Weltenlenkung von den Übeln des Daseins durchsetzt sieht? Will man die Art zu charakterisieren versuchen, wie der Stoizismus mit dem Bösen in der menschlichen Natur zurechtzukommen meinte, so muss man den Blick hinlenken auf die aus den Grundlagen der Welt entspringenden Bewusstseinszustände. Wenn der Stoiker die Kräfte seines Bewusstseins entfaltete, von denen er annahm, dass sie mit der Welt in Übereinstimmung seien, so meinte er, müsse sich nur Gutes entwickeln; aber das Böse trat doch auch auf; dann sagte er: Es ist beim Hineingelangen des Bösen in die menschliche Seelennatur ein Dämmerzustand der Seele, eine Art geistiger Ohnmacht vorhanden. Und der Stoiker fragte sich dann: Wodurch kann das normale Bewusstsein unserer Seele hinuntergedämmert, sozusagen ohnmächtig werden? Dadurch, dass der Mensch eine komplizierte Wesenheit ist und, wenn er auch mit seinem Bewusstsein in einer dieser normalen Sphären lebt, dann zuweilen in niedere Sphären hinuntertaucht, ähnlich etwa wie beim Untertauchen in den Schlafzustand, und durchtränkt wird von dem, was normal nicht in ihm ist und sein soll. Der Stoiker denkt also den Menschen angehörig mehreren Welten; folgt er dem Guten, so ist er in seiner eigenen Sphäre, verfällt er dem Bösen, so ist er unter derselben. In der sichtbaren Welt gibt es Niedrigeres, als der Mensch ist, in den Tieren, Pflanzen und Mineralien, eine Stufenfolge der Naturreiche. Dasjenige nun, wohinein der Mensch beim Bösen untertaucht, muss da sein als Disharmonie der Natur. - Hierbei kann aber gesagt werden: Es zeigt dieser Lösungsversuch das Ungenügende einer jeden solchen Art, diese Rätsel zu betrachten; denn es bleibt dabei die Frage unbeantwortet, wenn der Mensch nun bei abgedämpftem Bewusstsein unter seine normale Sphäre untertaucht und dabei das Böse zur Geltung kommt; welche Bedeutung hat es im menschlichen Leben, dass er dahin untertaucht, was bringt er von dort überhaupt mit? Das philosophische Denken erwies sich - und erweist sich noch - als ohnmächtig, von dieser Seite her an das Problem des Bösen heranzukommen.
Cite:
GA 69d/1914-03-29/p004 · edition original