18. Der Ursprung des Bösen und des Übels im Lichte der Geisteswissenschaft
Nehmen wir zum Beispiel den monistischen Materialismus, der sich aus der Naturwissenschaft besonders des neunzehnten Jahrhunderts entwickelt hat, und unter dessen Vorstellungen zum Teil unsere idealsten Männer wie unter einer schweren Last dahinleben. Weil diese Weltauffassung immer tiefer in die menschlichen Seelen eingedrungen ist, hat sie diese fähig gemacht, die materiellen Gesetze zu durchschauen, und jeder der heute Lebenden ist unbewusst beherrscht von der Erkenntnis dieser Gesetze des materiellen Daseins, die aber den freien Ausblick in die geistige Welt zurückgedrängt haben. Und so ist es möglich geworden, dass sich im neunzehnten Jahrhundert Geister wie Schopenhauer, Hartmann, Lotze entwickelt haben, die auf eine Daseins-Auffassung hindrängten, welche den Menschen hätte befriedigen sollen, aber sie konnten keine Ideen über das Geistige gewinnen, die geeignet gewesen wären, die Ideen der Naturwissenschaft in geistiger Überlegenheit zu besiegen. Ihnen erscheint daher, was an Schmerzlichem in der Welt da ist, als unerklärlich; wohl sehen sie das Abwelkende, aber nicht den Keim, der als hoffnungsvolles Ergebnis in jenem liegt, der auch innerhalb der absterbenden Blüte und Keimhülle gefunden werden muss, wie die Folge von Schmerz und Übel im Leben. Alles wirkt aus der geistigen Welt heraus auch in den Reichen des physischen Daseins. Wie sich dieses aber seinem inneren Wesen nach zeigen müsste, ist von den Forschern des neunzehnten Jahrhunderts nicht, oder nicht ausreichend, erkannt worden. Wir sehen, wie schwierig es den tüchtigsten Vertretern ihrer Zeit wird, sich zu den Erscheinungen der Welt zu stellen, und [wie sie] in vielen Dingen mit den naturwissenschaftlichen Anschauungen allein keinen Ausweg finden; wir sehen solchen Geistern an, wie sie in ihrem innersten Seelenleben dürsten nach einer befriedigenden Perspektive des Daseins, dass aber ihr Blick getrübt ist durch den Druck der einseitig aufgefassten Naturwissenschaften. So sagt zum Beispiel ein solcher, wie ihm hiernach die Welt erscheint: Sie ist wie der Leichnam eines Menschen, von dem man wissen kann, er ist von seiner Seele verlassen, aber was als Leichnam vor uns liegt, ist nicht fähig, aus sich selbst ein Seelisch-Geistiges zu entwickeln, wie aus einem Übriggebliebenen, aus einem vorweltlichen geistigen Dasein eines Göttlich-Geistigen, das etwa im Anfang da war. In seiner jetzigen Verfassung ist aber kein Keim eines neuen Geistigen zu finden. - Dieser Philosoph, Mainländer, der um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts lebte, ist von Hofrat Max Seiling in enthusiastischen Worten, aber in den Tatsachen völlig richtig gewürdigt worden. Wenn man einen solchen Geist in seiner Tragik sieht, so erkennt man die Aufgabe der Geisteswissenschaft auch darin, die drückende Last der Vorstellungen des neunzehnten Jahrhunderts den Menschen abzunehmen, besonders bei solch bedeutsamen Geistern, die es so ernst mit dem Leben nehmen wie Mainländer, der im menschlichen Dasein nur Alter und Übel, Schmerz und Tod sieht. Demgegenüber sieht aber auch weiter noch die Geisteswissenschaft, dass in all diesem auch etwas lebt, das Geistige, das der Zukunft entgegensprosst und sich später nicht in seiner Sonderart entfalten könnte, wenn es nicht zeitenweise ins physische Leben als Übel und Schmerz hinabgedrängt worden wäre. Von solchem Standpunkte aus aber kann man nicht mehr von der «Philosophie des Schmerzes und dessen Erlösung» sprechen; dann wäre es absurd, von dieser Erlösung zu sprechen - im Hinblick auf die schon gebrauchte Analogie mit dem Pflanzenkeim, dem sogenannten Samen, für dessen Entwicklung oft die ganze Mutterpflanze, mindestens aber ein Teil derselben, die Blüte und so weiter sterben muss, was man für diese ja auch als ein Übel auffassen müsste. Ebenso wenig kann sich das Neue, Vollkommene aus einem geistigen Keim entwickeln, ohne dass dabei in der physischen Welt Übel und Schmerz erregt werden. Wenn wir alles dieses von höherem Geistesstandpunkt anschauen, werden wir einsehen, dass wir bei allen Bestrebungen, das Übel zu lindern, von diesem nicht werden im gewöhnlichen Sinne erlöst werden können, sondern lernen müssen, es zu ertragen. Ist das Schmerzvolle, Leidvolle in der Gegenwart manchmal recht schwer, so wird die erfreuliche Frucht in der Zukunft liegen und dann zur Wirkung kommen. Aus einer solchen Auffassung entsteht eine erträgliche, friedliche und tüchtige Lebensauffassung; wer weiß, aus dem Leid entwickle sich, wie aus einem Keim, in der Zukunft das Vollkommenere, der schaut in einer vielleicht schmerzvollen Gegenwart die bessere Zukunft, wenn er sich auch dem Unvollkommenen und Hässlichen in werktätiger Abhilfe nicht verschließt. Wenn auch die Blätter und Blüten des Daseins abfallen, unter ihnen wächst und dauert der Keim, der eine zukünftige, reichere Entwicklung ermöglicht, und wir begreifen: Was uns in der physischen Welt als Böses und Übel erscheint, ist eine parallele Erscheinung dessen, was in der geistigen Welt ein künftiges vollkommeneres Dasein ermöglicht. Über das Herbe, Leidvolle und Schmerzliche ist mit dieser dem Tatsächlichen entsprechenden Anschauung hinwegzukommen; denn im Bösen und den Übeln sehen wir etwas Unerklärliches nur im physischen Dasein, wir finden es erst erklärlich und damit erträglich, wenn wir zum Quell aller dieser Vorgänge, zur geistigen Welt, vordringen. Dort wandelt sich der sonst furchtbare Anblick der sinnlich-physischen Welt.
Cite:
GA 69d/1914-03-29/p017 · edition original