20. Wie findet die Seele ihre wahre Wesenheit
Ganz anders muss der verfahren, der in die geistige Welt eindringen will. Deshalb will ich damit beginnen, ein wenig die Stimmung zu schildern, die dem Geistesforscher eignen muss. Dasjenige, womit der Naturforscher unmittelbar an äußere Dinge und an den Menschen selbst herangeht, seine Sinne, seine Urteilskraft, seine gewöhnlichen Erkenntniskräfte, die wendet der Geistesforscher zunächst nicht unmittelbar an. Alles dasjenige, was ihm so zu eigen ist, womit er sich sonst unmittelbar der Welt gegenüberstellt, das verwendet der Geistesforscher zunächst zur Vorbereitung für die eigentliche Forschung. Was er an Denken in dieser Seelenarbeit aufbringen kann, die Schärfe seines Denkens, die Stärke von Fühlen und Empfinden, alles wendet er an, um seine Seele in eine Entwicklung zu bringen, um sie nach und nach innerlich wie zu einem anderen Wesen zu machen, um sie erst reif zu machen für dasjenige, was er unternehmen will. Und indem man in der nachher zu schildernden Weise so an die Entwicklung seiner Seele geht, fühlt man ganz anders, als man dem äußeren Leben gegenüber fühlt. Man fühlt, dass in der Seele, wenn man ehrlich Geistesforschung betreibt, scheue Ehrfurcht vor der Wahrheit erwächst; etwas fühlt man, wie wenn die Wahrheit in Fernen über einem schwebe und man sich ihr erst nähern müsse. Ja, diese Stimmung steigert sich mehr und mehr, sodass man, gerade je weiter man kommt in der Geistesforschung, das Gefühl entwickelt: Du musst warten. So wie deine Seele jetzt ist, so kommt es dir besser zu, dich noch nicht zu nähern der Ergründung gewisser Fragen des geistigen Lebens. Arbeite weiter an deiner Seele, dann wirst du zu einem Standpunkt kommen, wo du reifer sein wirst, wo dir die Fragen, die du heute beantworten möchtest, beantwortet werden.
Cite:
GA 69d/1914-05-08/p012 · edition original