20. Wie findet die Seele ihre wahre Wesenheit
Steht man im gewöhnlichen Leben darinnen, wo so, wie Wasserstoff an Sauerstoff, das Seelisch-Geistige an das Leibliche gebunden ist, dann, sehr verehrte Anwesende, dann sieht man die Welt so an, dass man weiß: Die Kraft deiner Seele entwickelst du durch die Werkzeuge deines Leibes; du bedienst dich deiner Sinne, deines Gehirns; du lebst in diesem deinem Leibe darinnen. — Das Erste, für welches man weiß, man lebe nach den angedeuteten Übungen mit seinem Seelisch-Geistigen außerhalb seines Leibes, das ist das, was man die Denkkraft nennen kann. Von dieser Denkkraft weiß man ja im gewöhnlichen Leben: Man kann sie dadurch gebrauchen, dass man mit dem Denken an das Gehirn gebunden ist. Nun aber erlebt man sich in Gedanken webend und seiend außerhalb seines Gehirns. Das ist kein Märchen, keine Hypothese, was ich Ihnen da erzähle, sondern es ist etwas, was derjenige erleben kann, der die betreffenden Übungen macht; er kommt dazu, zu wissen: Jetzt lebst du in deinem Gedankenleben wie dein eigenes Gehirn umschwebend; außerhalb des Leibes entwickelt sich die Kraft deines Denkens. - Namentlich den Moment erlebt man als besonders prägnant, man möchte sagen, als besonders erschütternd. Strengt man sich eine Zeit lang an, die Übungen zu machen, dann kommt die Zeit, wo man noch nicht recht erleben kann das Denken außerhalb des Gehirns. Es ist etwas, was eine wie traumhafte Dämmerung ausbreitet, als Erfolg der Konzentration; aber den Moment, wo man wiederum untertaucht in das Gehirn, wo das außer dem Leibe sich vollziehende Denken in das Denken im Leibe übergeht, den merkt man dann eigentlich zuerst ganz genau. Man fühlt, wie man mit dem Wesen, das man außerhalb seines Leibes erlebt hat, wiederum untertaucht, wie etwas, was man schwer durchdringt, und wie in wohligen Strömungen fühlt man sich mit seinem denkenden Wesen in seinen Leib einziehen und das Gehirn durchsetzen, um es wiederum zu gebrauchen zum äußeren Denken. Diese Tatsachen sind solche, dass man begreiflich findet, dass heute zahlreiche Menschen sagen müssen: Der redet Unsinn, der das sagt, das sind Phantastereien eines Halbwahnsinnigen. - Aber das sind die Tatsachen, durch die die Menschen erkennen werden, wie man das wahre Wesen der Seele erkennen lernt. Das sind Tatsachen, die sich verbreiten werden in der Kultur der Zukunft, denn die Seelen lechzen danach, wenn es ihnen auch noch nicht zum Bewusstsein kommt. Verbreiten werden sich diese Tatsachen ebenso, wie sich einst verbreitet hat die kopernikanische Weltanschauung, dass die Erde sich mit großer Geschwindigkeit durch den Weltenraum bewegt.
Cite:
GA 69d/1914-05-08/p021 · edition original