20. Wie findet die Seele ihre wahre Wesenheit
Das Erste also, was man von dem physischen Leibe lostrennen kann, ist die Denkkraft, und man kann im Grunde genommen, wenn man Ausdauer hat, die beschriebenen Übungen länger fortzusetzen, diese Emanzipation vom physischen Denkorgan als erstes übersinnliches Erlebnis haben. Es handelt sich nur darum, dass man gewissermaßen einzelne Hindernisse überwinden muss, um solche Erlebnisse haben zu können. Menschen zum Beispiel, deren Interesse sich in dem erschöpft, was das physische Dasein allein ausmacht, die nicht weitherzige Interessen entwickeln können, die werden allerdings sehen, dass sich ihnen schwere Hindernisse entgegensetzen, wenn sie den Versuch wie eben geschildert machen. Weitherzigkeit der Interessen, Eingehen-Können auf dasjenige, was auch in der physischen Welt jedes Wesen schon an Schönheit, an Erhabenheit darbietet, de muss der Seele eignen. Wer nur für sich selbst sich interessiert, der wird merken, dass in demselben Maße, in dem er die Übungen macht - es kann sie ja jeder machen es handelt sich darum, dass er sie richtig macht -, wer so recht mit seinem gewöhnlichen Denken im Egoismus aufgeht, der wird schon merken, dass, indem er allerdings fortschreitet, durch die charakterisierten Übungen etwas über seine Seele kommt, was man nennen kann eine gewisse innere Furcht vor der Welt, die man betreten soll die man erlebt außer dem Leibe. Diese Furcht, die ist im Grunde genommen immer in der Seele vorhanden, nur weiß man nichts davon. Man spricht in der Geisteswissenschaft von der Schwelle, welche die sinnliche Welt von der geistigen, die irdische von der überirdischen trennt. Man spricht davon, dass man sie überschreiten muss, diese Schwelle, ja sogar davon spricht man, dass diese Schwelle bewacht wird durch einen Hüter, womit man selbstverständlich eine geistige Kraft meint. Das heißt: Wahr ist, und durch die Geisteswissenschaft wird es bewahrheitet, dass, wie Fichte sagt, die geistige Welt immer um uns herum ist und dass wir auch den Weg hinein finden können. Warum tritt diese geistige Welt nicht immer vor der Menschenseele auf wie die physische Welt? Weil dasjenige, was der angehende Geistesforscher durch Erlebnisse wie die eben geschilderten erleben kann, das Auftreten der Furcht in der Seele bewirkt, weil diese Furcht in der Seele ist; und diese Furcht ist ein gutes Heilmittel gegen ein unreifes Eindringen in die geistige Welt. Sie ist immer da, in den Seelen, diese Furcht, aber sie zeigt sich nicht als Furcht, sondern sie zeigt sich darin, dass die Menschen eben erlahmen in den Anstrengungen, die sie machen könnten, um in die geistige Welt hineinzukommen. Sie werden scheinbar lässig, es interessiert sie nicht mehr, die Übungen weiter zu machen; in Wahrheit aber ist es die Furcht, die sie nicht spüren, weil sie sie nicht als Furcht wahrnehmen. Sogar das kann man sagen, dass durch die Geistesforschung mit Sicherheit bewiesen wird, woher eigentlich die materialistische Gesinnung der Menschheit kommt. Es gibt ja in unserer Zeit materialistisch gesinnte Seelen, die da sagen, entweder, man könne nicht von einer geistigen Welt sprechen, oder, man solle sich nicht darum kümmern, weil das menschliche Erkenntnisvermögen nur auf die sinnliche Welt gerichtet sei. Sie sagen auch, es sei unwissenschaftlich, von einem Leben im Geiste zu sprechen. Ja, es dünken sich solche Menschen - man nennt sie heute vornehm «Monisten», früher sagte man «Materialisten» -, sie dünken sich ganz besonders wissenschaftlich, wenn sie die geistige Welt gänzlich ablehnen, wenn sie sagen, die Wissenschaft habe nichts zu tun mit der geistigen Welt. Gewiss, es ist nicht gerade geeignet, unter diesen Menschen Anhänger zu finden, die da, ich möchte sagen, Stockmonisten sind, wenn man die Wahrheit über diese Tatsachen ausspricht, aber diese Wahrheit ist doch eben wahr. Nicht logische Gründe, nicht irgendetwas, was man beweisen kann, halten die Seele im Materialismus oder Monismus gefangen, sondern die Furcht, die die Menschen nicht als Furcht erkennen, die sie sich nicht als Furcht gestehen. Sie treibt Vorstellungen herauf wie, es sei unwissenschaftlich, die geistige Welt einzusehen. Derjenige, der die Dinge durchschaut, weiß, dass in den Materialisten-Versammlungen die Seelen versammelt sind, weil in ihnen allen die Furcht vor der geistigen Welt waltet. Es ist nicht angenehm, den Menschen zu sagen, dass sie im Grunde genommen Angstseelen sind, dass sie diese Angst kleiden in eine Scheinlogik, als ob sie beweisen könnten, dass nur die Tatsachen der physischen Welt Berechtigung haben.
Cite:
GA 69d/1914-05-08/p022 · edition original