20. Wie findet die Seele ihre wahre Wesenheit
Wir haben gesprochen von einer Steigerung der Aufmerksamkeit. Etwas anderes noch, was auch zwischen den Zeilen des Lebens vorhanden ist, können wir ins Unbegrenzte steigern; das ist das, was wir die Hingabe nennen - Hingabe, wie wir sie erleben, wenn wir so recht vollständig von irgendetwas in Anspruch genommen werden, wo wir alles andere, was um uns ist, vergessen und einzig mit dem nur leben, das uns diese Hingabe abfordert. Passiv müssen wir uns hingeben, während wir bei der Aufmerksamkeit aktiv sein müssen. Aber diese Hingabe, sie muss gewissermaßen eine universelle werden, wenn wir zum Geistesforscher werden wollen. Es muss sich dies so vollziehen, dass wir wieder eine Seelenstimmung entwickeln, die dem Schlafe gleicht, ihm aber doch entgegengesetzt ist. Aller Wille ruht, selbst jener Wille, der sich in der geringsten Regsamkeit der Glieder ausspricht. Alles willkürliche Denken ruht - das Wahrnehmen ruht -, aber wach ist die Seele und wach ist sie so, dass sie ganz hingegeben ist an den Strom des Daseins, dass sie jene Stimmung in absoluter Ruhe entwickle, die vielleicht der Religiöse kennt, wenn er so recht innig fromm im Gebete ist, aber selbst an den Inhalt eines Gebetes gibt man sich in der Geistesforschung nicht hin - er würde die Seele in eine bestimmte Stimmung versetzen —, sondern, ich möchte sagen, bloß hingegeben sein mit seinem ganzen Wesen an die ewige Macht des Daseins, das bewirkt in der Seele, dass andere Kräfte als die bloßen Denkkräfte aus der Seele heraufgetragen werden. So will ich gleich eine zweite Kraft charakterisieren, die wir aus dem Umkreis des seelischen Erlebens herausholen können. Wenn ich so zu Ihnen spreche, entwickle ich meine Worte dadurch, dass meine Gedanken im Gehirn lenken, dass sie ergreifen das Sprachorgan. Mit physischen Organen drücke ich dasjenige aus, was ich zu Ihnen sagen will. Gerade so, wie man durch Konzentration die Denkkraft von dem physischen Gehirnorgan emanzipieren kann, so kann man die Kraft, die im gewöhnlichen Leben in die Sprachorgane sich hineinergießt, von dem Sprachorgan losreißen, auch vom Gehirn, und sie bloß seelisch entwickeln in vollständiger äußerer, ich möchte sagen, Stummheit. Wenn man das, was sonst in das Sprechen ausfließt, in der Seele behält, nur innerlich entwickelt, wird rege das unausgesprochene innere Wort, das Wort, das man nicht mit einem physischen Organ hören kann, das Wort, das man innerlich, durch inneres Zuhören gegenüber dem eigenen Selbst hört. Und dieses Wort, dieses stumme, aber darum umso deutlicher geistig sprechende Wort, zu dem gelangt man durch Emanzipation der Sprachkraft von dem physischen Sprachorgan — dieses innere Wort, in das ergießt sich das, was man «geistige Außenwelt» nennen kann. So wie man in der physischen Welt umgeben ist von Wesenheiten des Mineral-, Pflanzen-, Tier- und Menschenreiches, so gelangt man, wenn man die Denkkraft und die Sprachkraft vom Leibe loslöst, in seelisch-geistigem innerlichen Erleben in eine Welt hinein, in der man umgeben ist von geistigen Wesenheiten, geistigen Kräften und Vorgängen.
Cite:
GA 69d/1914-05-08/p025 · edition original