20. Wie findet die Seele ihre wahre Wesenheit

GA 69d/1914-05-08/p030 ·1914-05-08 · original (original)
Record: mixed sources. This volume draws on more than one kind of record (transcripts, notes, documents). Check the volume's own front matter before weighing a single passage. Evidence: «Im Anhang Notizen und Berichte von weiteren Vorträgen» (In the appendix, notes and reports of further lectures). Rudolf Steiner Verlag Gesamtverzeichnis 2022, volume subtitle. The translation is the maintainer's, not a published one.

Wenn man nun die Übungen immer weiter fortsetzt, dann kommt man noch zu etwas anderem. Hinweisen will ich, um das auszudrücken, was ich klarmachen will, auf die Entwicklung des Kindes. Der Mensch kommt ja - das lässt sich auch naturwissenschaftlich begründen - in das physische Leben so hinein, dass er sich die Richte- und Lagekraft für das äußere Leben erst erwerben muss. Das Tier kommt in einer anderen Weise in das physische Leben; die Gründe dagegen sind nur Scheingründe. Der Mensch kommt herein in das Leben so, dass er zuerst ein kriechendes unbehilfliches Wesen ist und sich die Richtekraft erst aneignen muss. Und bedeutsame Geister haben immer darauf hingewiesen, was es für den Menschen bedeutet, dass er aufrecht dasteht und in Himmelsweiten zu schauen vermag. Das erwirbt sich der Mensch in der Kindheit. Da werden die Kräfte in ihm wach, durch die er dieses aufrechte Wesen werden kann. Da gibt er seinem ganzen Leibe die äußere Physiognomie; das, was er als Geist ist, das steckt er in seinen Leib hinein, der ihm durch die Vererbungsfolge gegeben wird; der Geist richtet diesen Leib auf durch Kräfte, die beim Menschen dem Geiste eigen sind - das lässt sich auch naturwissenschaftlich erweisen, doch würde das heute zu weit führen -, die nicht bloß Kräfte des Leibes sind, sondern im Geistig-Seelischen stecken, den Leib durchdringen und ihm die aufrechte Richtung geben. Das, was wir da in den Leib anlegen in der ersten Kindheit, was wir hineingießen in den Leib, damit wir ein aufrechtes Wesen werden, das können wir auch von dem Leibe emanzipieren, wie wir die Denk- und Sprachkraft emanzipieren. Das ist allerdings am schwierigsten zu verrichten, aber man erlangt allmählich die Möglichkeit, wirklich dasjenige, was dem Menschen in der Kindheit die Richtung gibt, herauszuholen aus dem Leibe, sodass man außerhalb des Leibes sich jede beliebige Richtung geben kann. Namentlich kann man kennenlernen den großen Unterschied zwischen Hinauf und Hinunter; nicht räumliche Richtungen sind das, sondern die Richtung hinauf ist ein inneres Erlebnis. Hat man die Aufrichtekraft vom Leibe emanzipiert, so hebt sich in der Seele dann etwas hinaus, außerhalb seines Leibes, was die Seele tief moralisch erlebt, etwas, wovon sie sagen kann: Es ist wie ein der Schwerkraft Entgegenarbeiten. Es ist aber nicht richtungsgemäß, nicht räumlich gemeint, sondern, was die Seele erlebt, kann man etwa so ausdrücken: Die Seele fühlt sich, indem sie dieses «Hinauf» erlebt, immer einsamer und einsamer. Und man macht dann, indem man dies in der Seele wirklich erlebt, alle jene Stimmungen durch, die eben durchgemacht werden können unter dem Eindruck, immer mehr und mehr allein zu sein. So allein zu sein, dass man weiß: Außerhalb deiner ist eine Welt, aber du nimmst jetzt auch geistig nichts von dieser Welt wahr. Du entschwindest gleichsam dieser Welt und bist immer mehr und mehr in dir. - So weit geht das, dass, wenn die Seele nicht in der Art gestimmt wird für diese Einsamkeit, wie Sie es in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» nachlesen können, diese Einsamkeit so über den Menschen kommt, dass er eine ganze Welt in sich fühlt, dass er immer mehr und mehr nur sich fühlt im Aufsteigen gleichsam, und die Welt ihm wie entsinkt. Diese Stimmung, wo allerdings die Seele eine Welt in sich fühlt, kann wiederum mit Furcht vor sich selbst verbunden sein, dass man nun durchmacht alle tragischen und alle beseligenden Konflikte, dass man gewahr wird, was alles in dem Untergrund einer Menschenseele ist.

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