20. Wie findet die Seele ihre wahre Wesenheit
Das alles, was ich versuchte darzustellen, es ist wirklich - ich muss es etwas trivial ausdrücken - eine Art geistiger Chemie. Die Seele wird frei vom Physisch-Leiblichen und geht eine neue Verbindung ein, wie der Wasserstoff, wenn er aus dem Wasser herausgenommen wird. Diese neue Verbindung, das ist die Verbindung mit der Welt, in der eigentlich die Seele als in ihrer wahren Heimat wurzelt. Natürlich kann nun jemand sagen: Nun ja, dann ist es ja nur der Geistesforscher, der etwas von der geistigen Welt wissen kann! Man müsste also ein Geistesforscher werden, um wirklich in diese geistige Welt sich einzuleben. — So ist es nicht, sehr verehrte Anwesende. Geradeso wenig, wie man ein Maler zu sein braucht, um ein Bild zu verstehen, das ein Maler gemacht hat, geradeso wenig braucht man ein Geistesforscher zu sein, um dasjenige begreiflich und verständlich zu finden, was der Geistesforscher erkundet. Obwohl, wie Sie aus meinen Büchern entnehmen können, es in unserer Zeit einem jeden Menschen möglich ist, bis zu einem gewissen Grad ein Geistesforscher zu werden, man braucht es nicht zu werden. Ein Maler muss man sein, wenn man Bilder malen will; ein Geistesforscher muss man sein, um in die geistige Welt einzudringen; wird aber das, was in dieser geistigen Welt erkundet wird, geschildert, gelingt es wirklich, die richtigen Worte in der physischen Welt für diese geistige Welt zu finden, dann kann dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, von jeder Seele verstanden werden. Und dann ist wahrhaftig dasjenige, was der Geistesforscher zu sagen hat, nicht so wie irgendeine andere Lehre Theorie, sondern es verhält sich ganz anders zum Leben. Man kann sagen: Nicht, einmal das nur gilt, dass man zwar selbst Chemiker sein muss, um chemische Vorgänge zu untersuchen, aber nicht, um das zu verstehen, was der Chemiker erforscht hat; sondern, wie man nicht selbst den Acker zu bebauen braucht und doch davon lebt, wie man nicht zu wissen braucht, was da alles zu geschehen hat zur Gewinnung der Nahrungsmittel, und nicht die Arbeit selbst tun muss, und doch den Genuss der Nahrungsmittel hat, so dringt das, was der Geistesforscher zu sagen hat - wenn es in der Wahrheit wurzelt, was der Geistesforscher sagt -, zu einer in jeder Seele vorhandenen, wirklich in jeder Seele vorhandenen geheimnisvollen Sprache. Diese Sprache ist in jeder Seele vorhanden. Und wenn heute noch viele Menschen glauben, es sei absurd, es sei wahnwitzig, was der Geistesforscher sagt, so ist es nur deshalb, weil sich diese Menschen nicht Urteilsfähigkeit, sondern Vorurteile angeeignet haben. Wird man einmal wirklich die Bedeutung auch der äußeren Wissenschaft richtig erkennen, dann werden diese Vorurteile verschwinden, und dann werden diese geheimnisvollen Verständniskräfte, die in den Seelen heute schon vorhanden sind, sich hervordrängen, und man wird Geisteswissenschaft verstehen, weil sie geheime Saiten in der menschlichen Seele anschlägt, die ertönen müssen, so wahr ertönen müssen, wie unsere Geschmacksnerven den Geschmack entwickeln, wenn Nahrungsmittel darauf gebracht werden.
Cite:
GA 69d/1914-05-08/p033 · edition original