20. Wie findet die Seele ihre wahre Wesenheit
Die Zeit wird kommen, sehr verehrte Anwesende, wo man nicht mehr über Geisteswissenschaft sprechen wird wie heute, sondern wo die Worte der Geisteslehrer [so] erklingen werden, dass die Seelen sie aufnehmen, auch wenn sie nicht Geistesforscher sind. Wie man die Früchte des Ackers genießt, ohne ihn selbst zu bebauen, wie man das Korn genießt, ohne die Mühle selbst zu treiben, so wird man, was zur Seele gehört, geistig «ersaugen», geistig «erschmecken» durch die Geisteswissenschaft. Die Zeit wird kommen, wenn wir auch heute noch weit entfernt davon sind, wo die in jeder Seele lebende geheimnisvolle Sprache in der Seele rege werden wird, sodass der Geistesforscher nicht mehr ein Prediger in der Wüste sein wird, sondern wo er so zu den Leuten wird sprechen können, dass die Leute sagen: Das, was er sagt, der Geistesforscher, das ruft ja nur dasjenige hervor, was in allen Seelen ohnedies sitzt. - Dann aber wird die Zeit da sein, wo man wissen wird, dass es eine Erkenntnis über die geistige Welt gibt, die nicht nur so sicher ist wie die Naturwissenschaft, sondern viel, viel sicherer; und bewahrheiten wird sich echt wissenschaftlich, was Fichte geahnt hat: Man kann leben nicht nur nach dem Tode in einer geistigen Welt, sondern schon hier in der physischen Welt kann man in der geistigen Welt leben und sie verstehen, ja, wahrer leben in der geistigen Welt als in der physischen Welt. - Verstehen wird man, dass das physische Dasein gerade dadurch seinen Wert, seine Sicherheit, seine Bewahrheitung erhält, dass man versteht, wie die Seele ihre wahre Wesenheit in der geistigen Welt findet.
Cite:
GA 69d/1914-05-08/p034 · edition original