{"corpus":"steiner","locus":"GA 69d/1914-05-08/p038","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Sehr verehrte Anwesende, ich machte darauf aufmerksam, dass der Mensch, wenn er sein Seelisches durch Konzentration, Meditation frei macht vom Leibe, etwas erlebt, was man nennen kann: inneres Mienenspiel, innere Gebärde, innere Physiognomie. Indem der Mensch solches erlebt, erlebt er schon in diesem Dasein dasjenige, was dann die Seele in der geistigen Welt nach dem Tode ganz und gar umgibt. Es ragt herein in diese Welt das Wissen von der geistigen Welt, und die Seele erkennt sich selbst, indem sie sich findet in ihrer wahren Wesenheit wurzelnd in der geistigen Welt. Man darf sagen: Begreiflich ist es, dass nur wenig Verständnis zu finden ist für diese Auseinandersetzungen in unserer Gegenwart; wenn wir auf unsere Gegenwart hinschauen, so begreifen wir das. Ja, worauf sehen heute die Menschen am meisten? Einen trivialen Vergleich will ich gebrauchen: An einer Anschlagsäule steht angekündigt «Ein Vortrag mit Lichtbildern». Daneben wird angezeigt ein Vortrag ohne Lichtbilder. Zu welchem Vortrag fühlen die Menschen am meisten Lust? Nun, zu dem, wo sie sich passiv hingeben können, wo sie nicht tätig zu sein brauchen, wo alles so schön in Bildern vorgeführt wird. Geisteswissenschaft kann nicht so vorgehen. Obwohl das, was im Geiste geschaut wird, auch in Bildern vorgeführt werden könnte, habe ich nur versucht, durch das bloße Wort zu wirken, das auf das Denken und Fühlen wirken kann. Geisteswissenschaft kann nur mit einem aktiven Mitarbeiten der Seele rechnen. Haben wir es doch in unserer Zeit erleben müssen, dass in einer bedeutsamen Wochenschrift ein Artikel erschien, in dem ungefähr Folgendes gesagt wird: Wenn man Spinoza und Kant liest, ja, da gehen einem die Begriffe durcheinander. Da kommt man nicht zurecht. - Das gilt für viele Menschen der Gegenwart. Der Philosoph macht aber nun einen Vorschlag: Warum sollen wir nicht auch hier eine neue technische Errungenschaft verwerten? Man macht einen Film! - Man stellt sich einem Film gegenüber, dann kann man sich Spinoza vorführen lassen, zuerst wie er beginnt, Gläser zu schleifen, dann, wie Gedanken in ihm auftauchen, wie seine Philosophie entsteht und so weiter, und so weiter. Man braucht sich nur passiv hinzugeben, die Gedanken wirbeln nicht mehr in einem herum. Das ist im Geschmack unserer Zeit! Man würde in einem Lichtbildervortrag sehen, wie Spinozas «Ethik», wie Kants «Kritik der reinen Vernunft» entsteht. Die Leute würden in einen solchen Vortrag hingehen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"20. Wie findet die Seele ihre wahre Wesenheit","site_heading":null,"date":"1914-05-08","location":null,"word_count":381,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69d/1914-05-08/p038","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69d/1914-05-08/p038"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/69d/1914-05-08/p038","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"mixed_sources","scope":"volume","note":"This volume draws on more than one kind of record (transcripts, notes, documents). Check the volume's own front matter before weighing a single passage.","evidence":"Im Anhang Notizen und Berichte von weiteren Vorträgen","evidence_translation":"In the appendix, notes and reports of further lectures","evidence_source":"Rudolf Steiner Verlag Gesamtverzeichnis 2022, volume subtitle. The translation is the maintainer's, not a published one."}}