{"corpus":"steiner","locus":"GA 69e/1911-01-31","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31","ga":"69e","lecture":"1911-01-31","lecture_number":null,"title":"XXII. Zarathustra, Seine Lehre und Seine Mission","site_heading":null,"date":"1911-01-31","location":null,"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"passage_count":16,"word_count":1281,"translation_credit":null,"witnesses":[{"lang":"de","edition":"original","is_original":true,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":16,"passage_count":16,"word_count":1281},{"lang":"en","edition":"English","is_original":false,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":16,"passage_count":16,"word_count":1414,"completeness":{"ratio":1.1,"band":"comparable","note":null}}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"passages":[{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p001","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p001","passage_number":1,"word_count":8,"text":"## GA 69e — 31 January 1911, Cologne"},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p002","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p002","passage_number":2,"word_count":8,"text":"### XXII. Zarathustra, Seine Lehre und Seine Mission"},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p003","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p003","passage_number":3,"word_count":33,"text":"Es ist schwer, sich zu verständigen mit dem, der sich in anderer Art ausdrückt als wir. Für die Aufklärung eigener Seelengeheimnisse ist es wichtig, eigenes Denken, Fühlen, Wollen an anderen fernliegenden Geistern abzumessen."},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p004","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p004","passage_number":4,"word_count":54,"text":"Die gewöhnliche neuere Geschichtsforschung weiß selbst nicht die Lebenszeit des Zarathustra festzustellen; sie versetzt ihn in die Zeit des Buddha, die alten Griechen versetzen sie 5000 Jahre vor Christus: möglichst weit oder wenig weit [zurück]. Die Theosophie setzt ihn in die vorasiatische Kultur, doch sein Einfluss ist bis in die christliche Zeit zu bemerken."},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p005","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p005","passage_number":5,"word_count":124,"text":"Alles Seelenleben ist sehr geändert worden, die Entwicklung des Entstandenen ist ein jetzt schr befriedigendes Studium. Des Menschen geistige Entwicklung müsste derselben Untersuchung unterzogen werden, um Licht zu verbreiten; man muss zurückgehen in frühere Seelenzustände, wo die Menschen eine andere Umwelt gewahr wurden als jetzt. Es gab da eine Art hellsichtigen Bewusstseins, ein oft missbrauchtes Wort, ein Bilderbewusstsein. Die an die gewöhnlichen Formen anknüpfenden hinauf- und hinuntersteigenden Bilder haben wenig zu bedeuten, sind ein übrig gebliebener Rest eines ganz anderen Bewusstseinszustandes. Das frühere Bilderbewusstsein ist zu beziehen auf die äußere Wirklichkeit in der geistigen Welt hinter der Sinnenwelt, als das Gegenstandsbewusstsein noch erst in den Anfängen war, von einer Zwischenwelt zwischen Wachen und Schlafen, durch Sinnbilder, die sich bezogen auf die geistige reale Welt."},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p006","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p006","passage_number":6,"word_count":157,"text":"Eine bestimmte Fähigkeit vollzieht sich auf Kosten einer anderen. Wir müssen wieder hinauf, aber zu einer von Intellektualität durchdrungenen Hellsichtigkeit. Erst ging der Intellekt verloren. Mythen, Sagen, Legenden sind die ältesten Urkunden vom alten Hellsehen. Die Götterbilder der Mythologie waren zunächst nur Bilder. Es waren zwei geistige Strömungen: eine aus dem alten Indien, die andere, mehr nördliche aus dem alten Persien. Diese gehen nebeneinander in den älteren Jahrtausenden, strömen zusammen in der altgriechischen Kultur. Daher ist der Pessimismus der alten Inder so charakteristisch. Unheimlich fand es der alte Inder, wenn er geistige Wesen hinter den Außendingen sah. Das nannte er Asuras. Der letzte Impuls davon, der darum so bedeutsam war, erschien in Buddha. Durch ungeistigen Hang nach dem Innern war er versetzt in Maya, daher musste er heraus ins Nirwana. Nirwana hat nichts von dem, was die Sinne bieten, Nirwana ist der letzte große Ruf dieser als Abstieg empfundenen Menschheitsentwicklung. Auch dieses ist durchsetzt von pessimistischer Antiwirklichkeitsstummung."},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p007","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p007","passage_number":7,"word_count":177,"text":"Im alten Griechenland empfand man dieses Untertauchen nicht gerade so. Der Grieche empfand in der Dionysoskultur, als er noch nicht die Intelligenz hatte, die ins Griechenland verpflanzte altindische Kultur. Zarathustra entwickelte gerade das Gegenteil, der Perser wollte Hand anlegen an die unmittelbare Wirklichkeit, ein Übergang zu einer neuen freudigen Zukunft der Menschheit. Er hatte Neues gewonnen, neue menschliche Seelenkräfte. Zarathustra wies das persische Volk auf die physische Welt als nicht nur Maya. Ihm war das Äußere wie das Kleid einer geistigen Welt, die sinnliche Welt wie ein Teppich. Die geistige Welt liegt hinter der Sinnenwelt, überall dahinter ist die geistige Welt. Das ist nicht nur als ein pantheistischer Hinweis auf die geistige Weisheit gemeint, sondern konkretes Hineinschauen in die geistige Welt. Hinter dem sinnlich Wichtigsten [Wirklichen?] verbirgt sich die geistige Wichtigkeit [Wirklichkeit?]. Und wie die Sonne ihre große Aura hat, so hat auch der Mensch seine kleine Aura: Ahura Mazdao, später Ormuzd. Durch bloß mystisches Hineinschauen findet er nicht mehr das Gute. Das sind absterbende Kräfte, daher sind ihm die Devas das Böse, die Asuras das Richtige."},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p008","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p008","passage_number":8,"word_count":45,"text":"So ist diese Umkehr zu erklären aus der Kulturentwicklung. Ahuras sind die indischen Asuras. Geistiges ist in und hinter allem Sinnlichen, besonders hinter dem Mittelpunkt. Der griechische Apollo ist die griechische Übersetzung der Mazdaokultur. Beide Strömungen kamen zusammen, als der größte Menschheitsimpuls kam, in Christus."},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p009","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p009","passage_number":9,"word_count":128,"text":"Damals, in Zarathustras Zeit, brauchte man ganz andere Zeichen, eine ganz andere Schrift, um dies zu versinnlichen. Diese alte Schrift war in den Himmelskörpern. Beide Gegensätze führte Zarathustra auf Höheres zurück. Er brauchte Sinnbilder. Während des Tages durchläuft die Sonne einen Teil des Zodiakus; die Tagessonne ist Ormuzd, die Nachtsonne Ahriman. Die eine Hälfte der Tierkreiszeichen bezeichnet Ormuzd, die andere Hälfte Ahriman. Es ist ein gemeinsamer Grund des Guten und Bösen. In immer größerem Bogen wird der Kreis flacher und flacher, endlich eine gerade Linie, die Unendlichkeit. Ein Kreis mit unendlichem Durchmesser ist Bild des unendlichen Zeitverlaufs. Die Vergangenheit hält zurück, die Zukunft ist für den Fortschritt, hebt empor. Der ganze Tierkreis ist eigentlich eine Linie, als Kreis verkleinlicht vorgestellt. «Zaroana akarena» ist das Bild der unendlichen Zeit."},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p010","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p010","passage_number":10,"word_count":79,"text":"So steht in den Sternen die Schrift für das, was in der geistigen Welt ist. Zoroaster ist kein abstrakter Geist, der sich nur in Allgemeinheiten bewegt; daher stehen unter Ormuzd Untergeister. Der heutige Mensch ist bequem, will gleich zum höchsten Gott aufsteigen. Die sechs oder sieben Amschaspands waren gleichsam Boten. Goethe erwähnt in seinem Faust: Göttersöhne, bewahrt das Schöne, und so weiter. Es ist dasselbe. So auch hat Ahriman fünf bis sechs böse geistige Wesenheiten; das macht zusammen zwölf."},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p011","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p011","passage_number":11,"word_count":120,"text":"Jedes Sternbild ist Ausdruck für eine der Kräfte. Ormuzd wirkt zum Beispiel durch [den] Löwen als gute Gesinnung, durch den Widder Weisheit. So fahren die geistigen Wesen gleichsam in die Menschen hinein. Der Mensch aber ist nicht so gescheit wie sein kleiner Finger, der weiß, dass er so nichts ist ohne den ganzen Organismus. So werden die menschlichen Seelenkräfte, dringen in den Menschen hinein, setzen sich im Menschen fort, verdichten sich materiell in dem, was im Menschen ist. Der Mensch kann also ein Ormuzd- oder ein Ahrimanmensch sein. Die neue Physiologie, die den Menschen zergliedert, sagt [anatomisch-physiologisch]: Zwölf Paar Gehirnnerven gehen vom Gehirn aus. So sind die materialisierten zwölf Amshaspands nach Jahrtausenden wieder gefunden. Beide Zeitalter reichen sich die Hände."},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p012","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p012","passage_number":12,"word_count":62,"text":"So gibt es 28 bis 31 Izeds, Geister, die untergeordnete Funktionen besorgen, die wirksam sind im Kosmos und in der menschlichen Natur. Das sind in des Menschen Haupt die geistigen Fähigkeiten [= die Amshaspands] und die Fähigkeiten, die von den Rückenmarksnerven ausgehen und meinetwegen wieder zurück [die Izeds]. Dann sehen wir in den Feroars die geistigen Urbilder, die allem anderen zugrunde liegen."},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p013","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p013","passage_number":13,"word_count":51,"text":"Plato sagt: Allen sinnlichen Dingen liegen Urbilder zugrunde. Aber da ist es schon mehr abstrakt gemeint. Plato spricht von der Geisteswelt, Zoroaster von der Geisterwelt. Doch hatte Plato gegenüber den heutigen Anschauungen noch ein lebendiges Gefühl. Zoroaster sah im äußeren Licht, was im Inneren Weisheit ist, wie die Geisteswissenschaft heute auch."},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p014","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p014","passage_number":14,"word_count":78,"text":"Pythagoras hat von den Persern die richtige Stellung gegenüber der geistigen und der moralischen Welt gelernt. Das ist ganz anders wie in Ägypten oder wie in den Dionysischen Mysterien. Da gilt Männliches und Weibliches, Osiris - Isis, Apollo - Aphrodite. Solche geschlechtliche Gegensätze gibt es überall. Selbst bei den alten Hebräern wird Luzifer, das Böse, durch Weibliches angedeutet. Nur Zoroaster hat es anders, hat den organischen, moralischen Gegensatz des Guten und Bösen in Bildern, nicht vom Natürlichen genommen."},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p015","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p015","passage_number":15,"word_count":86,"text":"Daher muss Zoroaster in jetziger Zeit wichtig sein, um nicht alles auf die Gegensätze der Geschlechter zurückzuführen, wie heute. Daher der Duft, der ausgeht vom Zoroastrismus. Durch Läuterung, durch sittliche Reinigung entwickelt sich die heroische, moralische Kraft, nicht philiströse Moral wie die heutige. Der alte Perser ist nicht beschaulich, er ist arbeitsam, legt die Hand an die Schätze der Erde. So wird er der Genosse des Ormuzd, der immer rang mit Ahriman. So war es bei diesem einfachen Kulturvolk. Durch moralische Läuterung werden die Hemmnisse überwunden."},{"locus":"GA 69e/1911-01-31/p016","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/69e/1911-01-31/p016","passage_number":16,"word_count":71,"text":"Ich will reden, kommt und höret zu, von dem, was in der Welt das Höchste ist. Nicht mit böser Zunge rede ich davon, von dem Gegensatz. Hört, wie ich es meine, sonst werdet ihr Schlimmes erfahren am Weltenende. — So spricht Zoroaster. Nicht genügt es, dem Buchstaben nach die Gathas zu studieren, sondern man soll sich versetzen in Zoroasters Empfinden und Denken. Das bedingt historisches Gefühl. Man soll dankbar sein Ahriman."}]}