IX. Irrtümer der Geistesforschung

GA 69e/1913-01-03/p005 ·1913-01-03 · original (original)
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Bei allem, was Lebenserfahrung, was Lebensweisheit ist, gilt schon dieser Spruch; in ganz besonderem Maße gilt er aber auf dem Gebiet, mit dem wir es hier zu tun haben. Im äußeren Leben wird ja dasjenige, was in diesem Spruch liegt, sozusagen überall außer Acht gelassen. Was hören wir öfter bei den Menschen betonen als: Dies ist mein Standpunkt über irgendeine Sache, dies ist meine Meinung. Und gerade in unserer Zeit wird immer wieder und wieder hervorgehoben, dass es doch berechtigt sei, und einzig berechtigt sei, wenn ein jeder Mensch sozusagen seinen Standpunkt, seine Meinung über irgendeine Sache zur Geltung bringe. Man kann selbstverständlich durchaus bis zu einer gewissen Grenze eine solche Forderung des Lebens zugeben, aber zur wirklichen Wahrheit, namentlich zur Wahrheit auf geistigem Gebiet, kann ein solcher Gesichtspunkt nicht führen. Denn die eigene Meinung — man hat sie sich gebildet im Leben ganz nach der persönlichen Erziehung, den persönlichen Verhältnissen, in denen man gelebt hat, nach dem Teil der Welt, der einem gerade entgegengetreten ist; und es gehört eigentlich nicht viel dazu, einzusehen, dass diese Meinung, welche eine einzelne Persönlichkeit sich gebildet hat, unter allen Umständen zum Mindesten eine eng beschränkte Geltung nur haben kann.

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Cite: GA 69e/1913-01-03/p005 · edition original