IX. Irrtümer der Geistesforschung
Nun liegt aber auf dem Gebiet des geistigen Lebens die Sache so, dass in ganz anderer Weise als in irgendwelchen sinnlichen Gebieten dasjenige sich hineinschiebt, wenn wir Forschungen anstellen, was wir als unsere Meinungen, unsere Lebensauffassung, unseren Standpunkt mitbringen. Im gewöhnlichen Leben, wo wir es zu tun haben mit den Außendingen, da können wir sagen, dass der Irrtum sich auf Schritt und Tritt selbst korrigiert. Wenn wir uns eine falsche Meinung bilden über diese oder jene Wesenheit oder diesen oder jenen Vorgang der sinnlichen Welt, so brauchen wir ja nur den Augenschein dieses Wesens, diese Tatsache selbst auf uns wirken zu lassen, und das unrichtige Urteil wird sozusagen beseitigt. Wir können nicht mit einem unrichtigen Urteil über eine Sache an diese Sache selbst herantreten, ohne dass uns die Sache Lügen straft. Auf geistigem Gebiet ist das ganz anders. Dort handelt es sich ja darum, dass alle Wesen, alle Tatsachen ihre ganz besondere Färbung erhalten durch dasjenige, was wir als die eigene Seelenkonstitution, als das, was in unserer Seele lebt, entgegenbringen, und eine falsche Meinung tragen wir mit in die geistige Welt hinein; es legt sich wie ein Schleier über die entsprechende Beobachtung. Und wenn wir an dieser falschen Meinung festhalten wollen, dann kann uns die geistige Tatsache, die eben verschleiert ist durch unsere Meinung, sie kann uns nicht Lügen strafen. Sie hüllt sich in das Kleid unserer falschen Meinung und erscheint uns in einer ganz falschen Gestalt.
Cite:
GA 69e/1913-01-03/p006 · edition original