IX. Irrtümer der Geistesforschung
Dies ist eine schwierigere Aufgabe, als man gewöhnlich glaubt, denn dazu ist notwendig etwas, was sozusagen für das gewöhnliche Bewusstsein außerordentlich schwer verständlich ist. Es ist notwendig [das, was] man in der Geistesforschung nennt «die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle». Als Schwelle ist da gemeint die, welche abgrenzt das Gebiet der Sinneswelt von der geistigen Welt. Was ist dieser «Hüter der Schwelle», wenn wir ausgehen von dem gewöhnlichen Leben und seinem Verhalten zur Wahrheit? Denn jener Hüter der Schwelle ist im Grunde genommen die Summe derjenigen Kräfte und Mächte, welche den Menschen im gewöhnlichen Leben von wahrer Selbsterkenntnis abhalten und welche ihn, wenn er ein Geistesforscher werden will, zu dieser Selbsterkenntnis führen. Aber im gewöhnlichen Leben ist Selbsterkenntnis eben keine leichte Sache, und [das] gerade deshalb, weil die menschliche Seele eben haftet an dem, was sie sich aus ihren Erlebnissen, aus allem, was ihr entgegentritt, gebildet hat. Und dadurch entstehen eben die verschiedenen Gesichtspunkte, die Kämpfe der Meinungen, wo einander entgegentreten Materialismus und Spiritualismus, Realismus und Idealismus und viele andere Standpunkte, die die Menschen mit Hingebung vertreten, die es aber unmöglich machen, dass die Menschen einander verstehen, gerade in Bezug auf die wichtigsten Dinge.
Cite:
GA 69e/1913-01-03/p009 · edition original