IX. Irrtümer der Geistesforschung
Wenn man nun dazu kommt, sich erst zu sagen, die vielen Standpunkte sind berechtigt, dann fühlt man eine Weile, wie wenn man zwischen den verschiedenen Standpunkten in der Luft schwebe und ohne Boden dastünde mit seinem Seelendasein in der Welt. Das übt Selbsterkenntnis aus, wenn man sie als Lebensweisheit betrachtet, ohne die Schwelle zu übertreten. Aber es führt ein gerader Weg von dieser Selbsterkenntnis, wenn sie energisch durchgeführt wird, wirklich in die Welt hinein, auf die gestern aufmerksam gemacht wurde. Denn derjenige, dem nicht ein Spiel mit Begriffen bleibt, was beschrieben worden ist, der es innerlich erlebt, mit innerlichem Schmerz, derjenige, der das mit aller Energie erlebt, der Wärme hat für das, was in der Welt geschieht, wer nicht kalt der Welt gegenüberstehen kann, ein solcher Mensch, der wird gerade in dieser Selbstschau eine von den Meditationen erleben, auf die gestern hingewiesen worden ist. Denn solch eine Selbstschau ist eine wichtige Art von Meditation. Wenn sie oft angestellt wird, dann tritt vor uns etwas auf, das so geartet ist wie die Imagination, die gestern gezeigt wurde, aber [eine] solche Imagination, die sich auf uns selbst bezieht. Und was dann auftritt als eine Folge der Selbstschau des gewöhnlichen Lebens, wenn man die Selbstschau so weit bringt —, was dann da auftritt, ist: Man sieht, wie man ist im eigenen Wesen. Vorher hat man nur seine Meinung gekannt, jetzt sieht man, wie weit man jeden Teil der Seele, der unter dem bewussten Leben liegt, der von Leben zu Leben geht - wie weit man ihn im jetzigen Leben gebracht hat.
Cite:
GA 69e/1913-01-03/p025 · edition original