IX. Irrtümer der Geistesforschung
Im neunzehnten Jahrhundert sind Geschichtsforscher aufgetreten, die von Ideen in der Geschichte reden. Derjenige, der den Sachverhalt auf diesem Gebiete durchschaut, weiß, dass Ideen zwar im Menschen leben, zum Begreifen, dass sie aber nicht wirken können. Diese Ideen können in der Geschichte ebenso wenig wirken, als ein gemalter Maler ein Bild malen kann. Und wenn in unserem Zeitalter eine Anschauung auftritt, die verflüchtigen will eine solche Macht wie das Christuswesen, die da sagt, es könne abgesehen werden von einem historischen, einem persönlichen Christus, man könne glauben, dass einmal die Idee des Christus aufgetreten sei, so steht ebendiese Anschauung auf dem Standpunkt, dass Ideen wirken können, dass Ideen nicht bloß der Ausdruck sind für reale Wesenheiten. Dann aber erst wird einem das wirkliche Leben verständlich, wenn man wieder dahinterstehende geistige Mächte anerkennt.
Cite:
GA 69e/1913-01-03/p030 · edition original