IX. Irrtümer der Geistesforschung
Rudolf Steiner: Es ist eine bekannte Erscheinung, dass die Sekten den heute charakterisierten «Standpunkt der Standpunkte» einnehmen und ganz und gar verliebt sind in ihren Standpunkt, in viel höherem Maße, als das bei anderen Menschen der Fall ist. Und jemandem, der einer Sekte angehört, eine Erklärung für dieses oder jenes Symbol zu geben, oder abzubringen, oder etwas begreiflich zu machen, ist gewöhnlich für diese Inkarnation eine reine Unmöglichkeit. Aber wer ganz begreift den aristotelischen Satz: Der kann allein zur Wahrheit kommen, der der eigenen Meinung nicht mehr achtet -, der hat den richtigen Standpunkt. Wer Geisteswissenschaft kennt, der weiß, dass die Dinge, wenn man tiefer [auf sie] eingeht, eben durchaus nicht so wörtlich und in solcher Art genommen werden dürfen, wie oft von einem solchen Standpunkt. Trotzdem nichts gegen die Frömmigkeit und das Gemütlich-Innige der Seelen, die in einem solchen Standpunkt befangen sind, gesagt werden soll und man die höchste Achtung davor haben kann. Aber dabei kommt man in solchen Sekten über die Standpunkte nicht hinaus, die die Wahrheit einengen. Wer zurücksieht in der Menschheitsentwicklung, der wird finden, dass es immer Sekten gegeben hat, die dasselbe gesagt haben. Sie haben gesagt: In 50 Jahren ist das Wiederkommen des Christus da. Er ist nicht gekommen, aber das hat die Lehren nicht widerlegt; und sooft auch durch die Tatsachen die Widerlegung eingetreten ist, das hat dem Standpunkt aber nicht geschadet. So wenig war das ein Mittel, einen solchen «Standpunkt der Standpunkte» irgendwie zu widerlegen.
Cite:
GA 69e/1913-01-03/p073 · edition original