IX. Irrtümer der Geistesforschung

GA 69e/1913-01-03/p083 ·1913-01-03 · original (original)
Author: Rudolf Steiner
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Rudolf Steiner: Das ist so, als ob jemand, der eben gegessen hat, gleich wieder essen müsste, weil sich ja doch äußerlich nicht etwas geändert hat an diesem Menschen, wenigstens nicht in vielen Fällen, weil er ja doch eben gegessen hat. Man erlangt Selbsterkenntnis, wenn man außer seinem persönlichen Selbst steht; das heißt, man erlangt durch Selbsterkenntnis Freiwerden. Wenn man nun weiter frei werden will, wo man doch schon frei geworden ist, so ist das noch weniger berechtigt wie bei der Mahlzeit. Dann hat man aber doch schon das Freiwerden vollzogen; dann ist keine Notwendigkeit, ein zweites Mal frei zu werden, von dem [nachdem?] man doch eben frei geworden ist. Der Standpunkt lässt sich dabei nicht vergleichen mit dem bloßen Materialismus oder Individualismus, denn die Geistesforschung gebraucht alle verschiedenen Standpunkte, aber nicht, um sich auf sie zu stellen, sondern um sie zu charakterisieren. Und die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sondern durch die Gründe, die dafür angeführt werden können, dadurch [erscheinen] diese Standpunkte so, dass sie einem das wirkliche Wahre von verschiedenen Seiten her beleuchten. Nur wer in Abstraktionen stecken bleibt, kann, was auf das eine anwendbar ist, auch auf das andere anwenden. Aber wie man im wirklichen Leben nicht bloß die allgemein menschlichen Eigenschaften an sich hat, sondern einmal Kind ist, dann Mann, dann Greis ist, und nicht fragen kann, ob man die Kindheitsstufe noch einmal abstreifen muss, so ist die Frage der Selbsterkenntnis einmal da, nicht dann noch einmal. Erkenntnis ist dann in der Welt darinnen, und von da ab beginnt für den Menschen dann die Selbsterkenntnis; das ist der Schluss der Selbsterkenntnis, die Selbsterkenntnis, die selbstlos vom Individuum erworben wird und dadurch einen selbstlosen Charakter hat.

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Cite: GA 69e/1913-01-03/p083 · edition original