XVIII. Die Geisteswissenschaft und die Geistigen Ziele Unserer Zeit
Nicht will ich [davon] sprechen - denn das würde heißen, nach einem alten, trivial gewordenen Sprichwort, Eulen nach Athen tragen -, was Naturwissenschaft Anerkennenswertes geleistet hat in Bezug auf die kommerziellen und industriellen Anlagen des Kulturlebens der Gegenwart; von dem möchte ich sprechen einleitungsweise, was naturwissenschaftliches Denken geleistet hat. Außer alldem, dass sie eingeflossen ist in die verschiedenen Kulturgebiete, hat sie eine gewisse Erziehung des ganzen menschlichen Denkens geleistet, hat sie die Art der Denkgewohnheiten, des Vorstellungslebens und die Erkenntnisbedürfnisse der menschlichen Seele in einem viel höheren Maße umgestaltet, als man sich gewöhnlich Rechenschaft gibt. Denn diese Umgestaltung hat nicht nur diejenigen ergriffen, die unmittelbar durch ihren Beruf, ihre Neigung oder ihr Interesse an die Naturwissenschaft herangezogen worden sind, sondern alle Seelen; man denkt eben heute einfach anders, als man vor fünf, sechs Jahrhunderten gedacht hat. Man ist gewöhnt, über das, was man nennen könnte das Walten eines Sinnes des Daseins, ganz andere Begriffe zu bewahren, als man in früheren Jahrhunderten getan hatte.
Cite:
GA 69e/1913-12-01/p007 · edition original