XVIII. Die Geisteswissenschaft und die Geistigen Ziele Unserer Zeit
Das vor allen Dingen ist etwas Eigenartiges in der Geistesforschung, dass sie in einer auf wissenschaftlicher Denkweise beruhenden Art die menschliche Seele in Zusammenhang zu bringen sucht mit ihrem geistigen Urquell, dass sie zeigt, dass dasjenige, was der Mensch als das Tiefste, Innerste in seiner Seele trägt, ein Geistiges ist, ein geistiger Kern ist; und dass dieser geistige Kern zusammenhängt mit einem umfassenden geistigen Leben der Welt, die hinter dem Sinnenleben ist, und dass sie auch mit den gewöhnlichen menschlichen Sinnen und dem Verstand, der sich an diese menschlichen Sinne bindet, nicht wahrgenommen, nicht erkannt werden kann. Nur tritt bei dieser Forschungsweise sogleich ein gewaltiger Unterschied zwischen der Geisteswissenschaft und aller andern Wissenschaft zutage. Jede andere Wissenschaft arbeitet mit ganz denselben Mitteln des Denkens, des Anschauens, die dem Menschen sonst im Alltagsleben eigen sind. So, wie der Mensch einmal ist, so, wie er sich nach normaler Weise entwickelt von der Kindheit bis zum späteren Alter, wie er ein gewisses Erkenntnisvermögen entwickelt, so tritt er auch vor die wissenschaftlichen Forschungsobjekte der Gegenwart. Und dasjenige, was alles ein solcher normaler Mensch zu sagen hat, das bildet den Inhalt der Wissenschaften über die verschiedenen Gebiete des Lebens.
Cite:
GA 69e/1913-12-01/p013 · edition original