XVIII. Die Geisteswissenschaft und die Geistigen Ziele Unserer Zeit

GA 69e/1913-12-01/p038 ·1913-12-01 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Der heutige Mensch aber macht sich häufig Vorstellungen vom Geistigen, die nur Phantasie sind. Er stellt es sich so vor wie einen äußeren Gegenstand, der ihm befiehlt: Ich bin da, du hast mich anzuerkennen. Da ist er sehr weit vom richtigen Verständnis entfernt. Da wurde in einer Zeitung so recht philosophisch Folgendes ausgeführt: Wenn man sich so in Kant oder in irgendeinen anderen Philosophen vertieft, so sind da alle Begriffe so unanschaulich, man muss erst lange daran herumdenken, bis man sich hineinfindet. Kann da unsere Zeit Abhilfe schaffen? Und gerade wirklich aus dem Geiste unserer Zeit heraus findet er [der Autor], dass man sie anschaulich machen kann. Alles soll anschaulich werden, auch der Geist. Ja, auch dasjenige, wovon jeder Mensch wissen kann, dass es nicht sichtbar ist, das menschliche Denken, der Gedanke soll anschaubar werden. Und wie soll das geschehen? Nun, man gehe an Spinoza zum Beispiel, der schwierig zu verstehen sein soll für die Menschen, die alles anschaulich gestalten wollen, so heran, dass man den Kinematographen gebraucht. Warum denn nicht? Man könnte das Folgende machen, so meint der Betreffende. Es ist dies kein Märchen, sondern im Ernst vorgeschlagen worden aus den Zielen unserer Gegenwart heraus. Man zeigt, wie Spinoza da zu schwierig scheinenden Gedanken kommt. Man stellt durch den Gedanken der Ausdehnung des Denkens dar, wie sich gegenüberstehen, zusammengipfelnd in die höheren Ideen, die ganze Ethik, bis zu Gott hinauf. Aus einzelnen Kräften könnte man kinematographisch die ganze Ethik Spinozas anschaulich machen. Das ist ein Ziel unserer Zeit. Und der Herausgeber dieser Zeitschrift, der die Abhandlung aufnimmt, macht die Anmerkung: So könnte man endlich hoffen, dass die uralten Meister der Menschheit durch das, was offensichtlich die meisten Menschen heute nur wie ein Spiel ansehen, nämlich die Filmkunst, dass sie durch diese Kunst in einer der Gegenwart entsprechenden Weise den Menschen nahegebracht werden können.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/69e/1913-12-01/p038.json
Cite: GA 69e/1913-12-01/p038 · edition original