XVIII. Die Geisteswissenschaft und die Geistigen Ziele Unserer Zeit
Die Sehnsuchten müssen befriedigt werden; das sehen wir auch an folgender merkwürdiger Angelegenheit, an die doch wieder erinnert werden darf, wenn auch etwas Äußeres mit etwas Innerlichem verglichen wird: Als die ersten Eisenbahnen gebaut werden sollten in Deutschland, da wurde das Medizinalkollegium befragt. Das Kollegium hat geantwortet, man solle keine Eisenbahnen bauen, die Leute würden sonst schwer an den Nerven leiden, wenn sie in den Eisenbahnen fahren sollten. Und wenn doch einzelne Menschen fahren wollen, dann sollte man die Bahnen doch wenigstens mit Brettern umzäunen, damit die anderen Leute nicht schwindlig werden. So urteilte man im Jahr 1837. Die Eisenbahnen fahren doch. So geht es im Leben. Und Geisteswissenschaft wird durch das Geistesleben fahren, wie auch die Hemmnisse der Gegnerschaften sich geltend machen wollen. Geisteswissenschaft wird zeigen gerade bei denjenigen, in deren Herzen sie sich festsetzen soll, wie unbegründet alle Vorurteile sind, die man ihr entgegenbringt. Die Wissenschaft wird sehen, wie in der Geisteswissenschaft ihr gerade der beste Bundesgenosse erwächst, wie das, was Wissenschaft, sich auf Äußeres beschränkend, nicht erlangen kann, sie von der Geisteswissenschaft bekommen muss. Sie wird einsehen, dass diese Geisteswissenschaft ebenso wenig der Naturwissenschaft widerspricht, wie für ein gesundes Denken in Folgendem ein Widerspruch liegt. Vor uns können drei Menschen stehen, einer und zwei andere vor ihm. Die Frage wird aufgeworfen: Warum lebt der eine? Nun, weil er innerlich eine Lunge hat und Luft ein- und ausatmet. - Gar nichts dagegen einzuwenden. Der andere aber sagt: Ich weiß, aus einem andern Grunde lebt er auch. Ich fand ihn vor acht Tagen erhängt; weil ich ihn abgeschnitten habe, lebt er heute. - Jeder hat recht. Der Naturforscher sagt mit vollem Recht: Wenn gewisse Eigenschaften im Leben auftreten, haben wir sie ererbt von unseren Eltern, Voreltern und so weiter. Er hat das Verdienst, hinzuweisen auf das, was in der Vererbungslinie gegeben wird. Der Geistesforscher sagt: Was sich entwickelt in dem wunderbaren Mysterium des Wachsens, das bringt der Mensch mit aus früheren Erdenleben. Darin liegt kein Widerspruch; beides ist wahr.
Cite:
GA 69e/1913-12-01/p050 · edition original