XIX. Theosophie Und Antisophie
Nun findet sich gegenüber der Geistesforschung in unserer Zeit - aber es haben sich zu allen Zeiten gefunden - Gegner, Leute, die geradezu mit Feindseligkeit diese Geistesforschung betrachten. Nicht auf einzelne Angriffe etwaiger Gegnerschaften gegen die Geisteswissenschaft soll heute eingegangen werden. Etwas anderes soll gezeigt werden. Gezeigt werden soll, woher aus der menschlichen Natur heraus Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft kommen kann, was in der menschlichen Natur vorhanden ist, normalerweise, möchte man sagen, was, wenn es besonders verstärkt und ausgebildet in dieser oder jener Persönlichkeit auftritt, zu einer richtigen Feindseligkeit führen muss gegenüber der Erforschung des geistigen Lebens, gegenüber den Geistesmethoden. Geisteswissenschaft ist ja im wahren Sinne, im echten Sinne dasjenige, was man da, wo man die Worte versteht, Theosophie genannt hat. Theosophie genannt hat - damit soll nicht gesagt werden, dass die Geistesforschung, die hier vertreten wird, sich mit alldem identifizieren will, was Theosophie genannt wird. Denn man findet heute recht zweifelhafte Lehren unter dem Namen der Theosophie zusammengefasst. Wenn man es ehrlich und rechtschaffen versteht, bedeutet das Wort Theosophie nichts anderes, als dass der Mensch sich bewusst werden kann, dass er in sich einen seelisch-geistigen Urquell trägt, durch den er verbunden ist mit den göttlich-geistigen Urquellen, die durch die Welt quellen und wirken, dass der Mensch in sich fühlen kann das, was durch die ganze Welt als göttlich-geistiger Urgrund vorhanden ist. Dass er es in sich erleben kann, dass er in sich ein Göttliches nicht nur vermuten und glauben, sondern auch zur Erkenntnis bringen kann. Das gibt die theosophische Stimmung. Antisophische Stimmung würde sich ergeben, wenn der Mensch entweder durchaus leugnete, dass er in seiner Seele Tiefen etwas so erfassen kann, dass das, was er erfasst, mit einem göttlich-geistigen Leben zusammenhängt, das durch die Welt wogt. Oder aber antisophische Stimmung würde sich ergeben, wenn er wenigstens leugnete, dass er diese Zusammenhänge mit dem Göttlich-Geistigen durch die Kräfte der menschlichen Natur erkennt.
Cite:
GA 69e/1914-01-27/p015 · edition original