XIX. Theosophie Und Antisophie
Diesen Leib haben wir aber abgelegt, wenn wir als Geistesforscher in die geistige Welt eintreten. Nichts von dem ist darinnen, was durch den Leib wahrgenommen werden kann. Da erlebt man sich in seiner Seele zunächst so, dass man weiß: Der Leib ist weg, nur mit der Seele ist man in der geistigen Welt. Dasjenige macht sich geltend, was man nennen kann eine vollständige Ungewohntheit mit der neuen Situation. Während man bis jetzt gewohnt war, eingehüllt, umgeben mit dem Leib in der Welt zu stehen, steht man jetzt mit bloßer Seele und ohne innere Erfahrung da. Und dasselbe starke Gefühl tritt auf, das sich nur vergleichen lässt mit dem, was Sie erlebt haben, wenn Sie geträumt haben, Sie fühlen sich plötzlich entkleidet an einem Ort, wo viele Menschen sind, voll Schamgefühl, weil Sie sich in einer Welt fühlen, in die Sie nicht hineingehören. Dieser Traum gibt ein verschwimmendes Bild, etwa wie eine Vorbedeutung, von dem, was mit unendlicher Verstärkung auftritt, wenn man in die geistige Welt hineinkommt und sich ungewohnt fühlt, sodass man sagt: Du stehst demjenigen, was du Wirklichkeit genannt hast, anders gegenüber, nicht kannst du sehen oder fühlen, was dir bisher die wirkliche Welt gegolten hat. Was willst du dich bemühen, in die Welt einzutreten, die entblößt ist von dem, was du wirklich wahrgenommen hast? Sobald man in die geistige Welt eintritt und so in einer Welt ist, die ganz andere Wesenheiten enthält, die bloß geistig-seelisch sind, zwischen denen sich Handlungen abspielen, die bloß in der geistigen Welt liegen, sobald man eintritt, muss man mit aller Gewalt zuerst sein Ich bewahren. Bewahrt man sein Ich nicht, so taucht man unter in diese ganze geistige Welt. Daher werden Sie sehen, wenn Sie das Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» durchlesen, dass alle Übungen, die dort angeraten sind, darauf hinauslaufen, das Ich stärker, als es sich in der äußeren Welt erlebt, hineinzutragen in die geistige Welt. Wenn ich in der Sinnenwelt eine blaue Farbe sehe, sage ich: Ich sehe sie. Ich denke, sie ist außerhalb meiner. Tritt man in die geistige Welt ein, nimmt man ihre Eigenschaften an, indem man in die geistige Welt untertaucht, muss man eins werden mit der geistigen Welt. Das ganze innere Wesen verbreitet sich in der geistigen Welt, fließt aus in die geistige Welt. Und die Gedanken - von denen hat man nicht das Gefühl, man denkt sie, sondern sie denken sich selber. Man ist wirklich in dieser geistigen Welt so darin, dass man Erlkönig und sein Söhnchen wie zugleich ist: der Vater sorgenvoll, das Söhnchen von allerlei Gesichten in der Seele durchwogt. Man ist diese beiden zugleich. Man empfindet eine neue Welt, aber man fühlt sich wie von unbestimmten Kräften zu jedem Ding, zu jeder Tat hingezogen. Man fühlt sich wie aus sich herausgerissen. Das erzeugt in der Seele ein Gefühl, das man wohl genau kennenlernen muss. Ein Gefühl von Furcht vor dem Sich-selbst-genommen-Werden, genommen werden dem, was einem bisher die Wirklichkeit verbürgt hat.
Cite:
GA 69e/1914-01-27/p034 · edition original