XX. Geisteswissenschaft in ihrem Verhältnis zu religiösen und sozialen Strömungen der Gegenwart
Am heutigen Abend möchte ich mir gestatten, einiges, wenn es auch selbstverständlich in einem kurzen Vortrage nur spärlich sein kann, zu sprechen über das Verhältnis der Geisteswissenschaft zu verschiedenen religiösen und sozialen Strömungen in unserer gegenwärtigen Kultur. Universell darf ich bemerken, dass, wie es ja naturgemäß ist, von mir nur vertreten werden kann die geisteswissenschaftliche Forschung, von der in den ersten beiden Vorträgen hier die Rede war, und dass sorgfältig vermieden werden soll, diese geisteswissenschaftliche Forschung mit allerlei anderen Strömungen, die sich theosophisch oder ähnlich nennen und in der Gegenwart wirksam sind, zusammenzuwerfen. Es ist im Allgemeinen nicht erfreulich, gerade über solche Strömungen zu sprechen, aber es ist vielleicht auch nicht notwendig, nachdem diese Vorträge vorangegangen sind. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschenseele, die sich nur ein wenig orientiert über das, was um sie herum vorgeht, ganz zweifellos fühlen muss, wie sie immer mehr und mehr in die Notwendigkeit versetzt wird, aus dem seelisch instinktiven Leben herauszutreten und bewusster und bewusster, erkennender und erkennender sich in das hineinzuleben, was man die Anforderung der Welt, namentlich der Kulturwelt, an den Menschen und an seine seelische Entwicklung nennen kann. Man braucht nicht in sehr alte Zeiten menschlicher Kulturentwicklung zurückzublicken, und man wird sich sehr bald überzeugen können, wenn man unbefangen ist, dass in diesen älteren Zeiten der Mensch viel instinktiver, viel, man möchte sagen, selbstverständlicher leben konnte als in unserer Zeit. Darauf beruht das, was wir als das Fortschrittliche unserer Zeit erleben. Immer mehr und mehr ist die menschliche Seele genötigt, sich Gedanken und Vorstellungen zu machen über das, was, wenn der Ausdruck gestattet ist, ihr von inneren, seelisch-geistigen, ihr mehr unbestimmt bleibenden Kräften wie eingeimpft wurde, sodass sie sich mehr instinktiv äußern konnten.
Cite:
GA 69e/1914-03-13/p004 · edition original