XX. Geisteswissenschaft in ihrem Verhältnis zu religiösen und sozialen Strömungen der Gegenwart
Für manchen muss das, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, in einem viel höheren Sinne radikal wirken, als etwa das radikal wirkte, was in der Morgenröte des neuen Geisteslebens die naturwissenschaftliche Denkungsweise gebracht hat. In viel höherem Maße muss der Mensch heute durch Geisteswissenschaft scheinbar - immer sei dies betont - den Boden unter seinen Füßen weggezogen fühlen im Verhältnis zu damals, als Kopernikus durch seine auf das Physische bezügliche neue Weltanschauung das erschütterte, was die Menschen vorher geglaubt hatten, nämlich, dass die Erde mit dem Menschen im Raume ruhig sei. Dass die Menschen die für die damalige Zeit neue Wahrheit aufnehmen mussten, das fühlten sie etwa so, wie wenn ihnen der Boden, auf dem sie ruhig gestanden, unter den Füßen weggezogen worden wäre. Fühlte man dazumal so etwas im Physischen, so kann man es gewiss heute in erhöhtem Maße fühlen, wenn man an den alten Denkgewohnheiten festhalten will dann, wenn Geistesforschung von wiederholten Erdenleben spricht und davon redet, dass die Geistesgebiete nur erforscht werden können, wenn man die Seele frei macht vom Erleben im Leibe. Von der Geisteswissenschaft wird eine Seelenbeobachtung gefordert, die frei von aller Sinnenwahrnehmung und frei von dem an das Gehirn gebundenen Denken ist.
Cite:
GA 69e/1914-03-13/p006 · edition original