XX. Geisteswissenschaft in ihrem Verhältnis zu religiösen und sozialen Strömungen der Gegenwart
Um die Unsterblichkeit der Seele wissend kennenzulernen, muss man die Wege gehen, die zu dieser menschlichen Seele hinführen. Im gewöhnlichen Menschen sind die Eigenschaften so verborgen wie im Wasser die Eigenschaften des Wasserstoffes. Daher kann er mit keiner Philosophie, nicht mit bloßen Begriffen an die Seele herankommen. Er kann wohl allerlei theoretisch bestimmen über das, was man Unsterblichkeit nennt, aber wissend über die Unsterblichkeit zu sprechen ist erst dann möglich, wenn man wirklich auf das Wesen der Seele hinzuleuchten versteht. Dann zeigt sich, dass unser ganzes Erdenleben zwischen Geburt und Tod sich so darstellt, dass wir wirklich mit dem, was wir in der Seele tragen, etwas heranentwickeln, was der Geistesforscher nur herausholt aus dem Leibe, was aber immer von dem Leiblichen sich unabhängig verhält - so, wie der Naturforscher in der Pflanze, indem sie heranwächst von der Wurzel zu Blättern und Blüten und Früchten, den lebendigen Keim entdeckt, der sich allmählich herausbildet und der, wenn die Pflanze welkt, Anwartschaft bietet auf ein neues Pflanzenleben.
Cite:
GA 69e/1914-03-13/p026 · edition original