XX. Geisteswissenschaft in ihrem Verhältnis zu religiösen und sozialen Strömungen der Gegenwart
Geisteswissenschaft weiß, dass über die gewöhnlichen Erkenntniskräfte hinausgegangen werden muss, wie das Kind über seine Erkenntniskraft hinausgehen muss, wenn es sich über die Welt orientieren will. Im Grunde genommen wissen wir ja, dass es manchem Kinde unbequem ist, wenn man es über die ihm angeborene Erkenntniskraft hinausheben will. Die Kinder haben nur nicht den Eigensinn und die Widerstandskraft, die der Mensch im späteren Alter hat. Wenn man zum Menschen sagt: Wenn du an den Geist herankommen willst, so musst du an andere Kräfte glauben als an deine gewöhnliche Erkenntniskraft, dann widerspricht das der menschlichen Eitelkeit, dem Glauben an die Vollkommenheit des Menschen. Aber sosehr man sich dagegen sträubt, die Richtigkeit des eben Gesagten anzuerkennen - es ist so, dass es die Eitelkeit und Unbequemlichkeit eines neuen ungewohnten Denkens ist, was die Menschen abhält, an die geisteswissenschaftlichen Interessen heranzugehen.
Cite:
GA 69e/1914-03-13/p029 · edition original