XX. Geisteswissenschaft in ihrem Verhältnis zu religiösen und sozialen Strömungen der Gegenwart
Wenn man so vernimmt, wie der Bekenner dieser oder jener religiösen Gemeinschaft, man möchte sagen, mit all den Waffen, die ihm zu Gebote stehen, sich auflehnt gegenüber so etwas, wie es Geisteswissenschaft ist, werde ich immer wieder an einen Priester erinnert, der vor einiger Zeit - es ist noch nicht lange her - zum Rektor einer großen Universität gewählt wurde. Er hielt seine Antrittsrede über Galilei. Er war Priester und zu gleicher Zeit ein großer Gelehrter, ein liebenswürdiger Gelehrter. Er, der Priester, sagte dazumal, entgegen der Auffassung seiner Kirchengemeinschaft, gegenüber neuen Kulturerrungenschaften auf dem Gebiete des Geistes: Damals, als Kopernikus, Galilei auftraten, glaubten die Leute, die die Sache kurzsichtig von ihrer Religionsgemeinschaft aus beurteilten, dass durch solche Entdeckungen die Gottesverehrung, das religiöse Empfinden gefährdet wäre. Heute sollte man über solchen Glauben hinaus sein, heute sollte es klar sein, dass durch jede neue Einsicht in die großen Wahrheiten des Daseins nur beigetragen werden soll zur Offenbarung der Heiligkeit und Herrlichkeit der göttlichen Weltenordnung. - So sagt der Mann, der als katholischer Priester den Nerv seiner Religionsgemeinschaft besser verstand als diejenigen, die heute Nachfolger der Bekämpfer des Galilei, des Kopernikus sein wollen. Dass er es im Sinne seiner Religionsgemeinschaft sagte, das trat wohl demjenigen, der auch in ihm etwas witterte, was nicht ganz echt ist, vor Augen als das, was er sein ganzes Leben hindurch festgehalten hat. Und noch in der Todesstunde hielt er fest an dem, was er gesagt hatte. Er sprach in der Todesstunde, er wolle als ein treuer Sohn seiner Kirche sterben. Man muss mitfühlen, ohne selbst vielleicht auf dem Boden dieses Priesters zu stehen, was wahrer, innerer Zusammenhang mit Kern und Seele einer Religionsgemeinschaft zu bedeuten hat, wenn man zugleich die Möglichkeit und Fähigkeit findet, so, wie er, über den Fortschritt der Menschheit zu sprechen.
Cite:
GA 69e/1914-03-13/p031 · edition original