XX. Geisteswissenschaft in ihrem Verhältnis zu religiösen und sozialen Strömungen der Gegenwart
Dennoch kann man begreifen, wie Gegner erwachsen können. Aus einer oberflächlichen Beobachtung der Natur heraus kann mancher glauben, Naturwissenschaft gebiete, die Unsterblichkeit zu leugnen, Gott zu leugnen - oberflächlich betrachtet insofern, als man von der Sinneswahrnehmung das losgelöst hat, was in der äußeren Natur verborgen ist. Dadurch, dass man von diesem Verborgenen abgesehen hat und die Sinne bewaffnet hat zur Beobachtung der äußeren Natur, dadurch ist die Naturwissenschaft groß geworden. Es wird immer aus oberflächlicher Naturbeobachtung herrühren, von dilettantischer Naturerkenntnis herkommen, wenn man sich zum Atheismus, zur Religionslosigkeit gezwungen glaubt. Das kann nur durch missverständliche Auffassung der Dinge kommen. Daher kann es kommen, dass die religiös Empfindenden sich auflehnen gegenüber dem, was aus religionsloser Beobachtung der Natur hervorgeht. Geisteswissenschaft aber wirkt anders auf die Gemüter als eine Weltanschauung, die auf bloßer Naturwissenschaft gegründet sein will. Wie diese Geisteswissenschaft wirkt, verstehen allerdings die Menschen sehr bald, wenn sie sich nur ein wenig darauf einlassen. Wer sich auf Geisteswissenschaft einlässt, bekommt eine Summe von Begriffen und Ideen über die Welt und ihre Vorgänge, denen die Seele wirklich angehört. Nehmen Sie diese Begriffe und Ideen auf, dann sind diese von ganz anderer Stärke als die Vorstellungen der äußeren Naturwissenschaft. Diese Vorstellungen können einem sozusagen viele äußere Rätsel lösen, das aber, was in den Tiefen der Seele sitzt, werden sie nicht mehr erreichen. Sie werden nicht mehr das innere Sein in Regsamkeit bringen, sie lassen das Tiefste der Seele veröden. Geisteswissenschaft aber greift mit ihren Vorstellungen in das Gemüt, in die Gesinnung, in das Wollen und Fühlen der Seele ein, durchdringt und durchgeistigt alle Impulse, sogar alle Affekte und Leidenschaften der Seele. Sie durchwebt und durchlebt die ganze Seele. Und die Folge dieses Durchlebens und Durchwebens der Seele durch die Geisteswissenschaft ist die, dass die Seele des Menschen religiös gestimmt wird. Geisteswissenschaft will eine wirkliche echte Wissenschaft sein, will weder eine neue Religion begründen noch einer alten Religion ins Gehege kommen. Sie will alles eher sein als eine neue religiöse Sekte. Wissenschaft will sie sein für die Seelen, wie die Naturwissenschaft eine Wissenschaft für die äußere Natur war von dem Moment an, als ihre Zeit gekommen war. Wissenschaftlich will sie sein, aber durch die Art, wie sie sich den Seelen nähert, werden diese von vornherein religiös gestimmt. Man kann ein großer Naturgelehrter sein, man kann den ganzen Umfang der Naturgesetze kennenlernen, und man kann dabei ein irreligiöser, ein unreligiöser Mensch sein. Man wird nicht Geistesforscher dadurch, dass man schon diese oder jene religiöse Empfindung vorbereitet hat, sondern dadurch, dass man den wissenschaftlichen Sinn und den Geist hinaufträgt. Wird man aber von Geisteswissenschaft angezogen, bekommt man Interesse für Geisteswissenschaft, dann wird man unbedingt ein religiös gestimmter Mensch, eine religiös gestimmte Seele.
Cite:
GA 69e/1914-03-13/p034 · edition original