XX. Geisteswissenschaft in ihrem Verhältnis zu religiösen und sozialen Strömungen der Gegenwart
Würden die religiösen Gemeinschaften in der Gegenwart das richtig empfinden, was da durch die Geisteswissenschaft auftritt, so würden sie diese nicht so bekämpfen. Sie würden sagen: Gott sei es gedankt, dass da eine Weltanschauung auftritt, die die Seelen religiös stimmt. Sie wird der Seele das bringen, wovon so viele durch die missverstandene Naturwissenschaft abgebracht werden. Die Naturwissenschaft kann man missverstehen, die Geisteswissenschaft wird niemand im anti-religiösen Sinn missverstehen. Frohlocken sollten die Seelen der verschiedenen Gemeinschaften, dass da eine geistige Macht auftritt, welche die Seelen, die durch so manches in der Gegenwart irreligiös gestimmt sind, wiederum religiös stimmt. Und sonderbar ist es, dass man diesen Zug, der in der Geisteswissenschaft auftritt, der die Seelen religiös durchgeistigt, nicht verspürt. Man verspürt ihn aus dem Grunde nicht, weil man eben gar nicht geneigt ist, durch die Geschichte zu lernen. Man hat die Träger der naturwissenschaftlichen Weltanschauung bekämpfen, selbst verbrennen können; sie hat sich durchgesetzt. Man mag die Träger der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung bekämpfen; sie wird sich durchsetzen. Zu verwundern ist nur, dass die Bekenner der Religionsgesellschaften sich nicht sagen: Muss es uns mit den geisteswissenschaftlichen Errungenschaften ebenso gehen, wie es unseren Vorfahren mit den naturwissenschaftlichen gegangen ist? Könnten wir nicht doch etwas aus der Geschichte lernen? Dass die Menschheit noch immer nicht so weit fortgeschritten ist, um aus der Geschichte zu lernen, verursacht wiederum die Frage: Warum besteht zum Beispiel die Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft?
Cite:
GA 69e/1914-03-13/p035 · edition original