XX. Geisteswissenschaft in ihrem Verhältnis zu religiösen und sozialen Strömungen der Gegenwart

GA 69e/1914-03-13/p046 ·1914-03-13 · original (original)
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Wenn man auf dieses Hassen eingeht, so erweist sich da manches so schwach. Um zum Beispiel nur eines anzuführen, auf das ich schon aufmerksam gemacht habe; da hat ein freireligiöser Prediger vor einigen Monaten gesagt, man solle den Kindern doch nicht Religion beibringen, denn das sei wider die Natur. Man brauche nur Kinder von selbst heranwachsen zu lassen, so kommen sie nicht von selber zu religiösen Vorstellungen. Es sei also nicht natürlich, dass diese aus sich heraus entwickelt werden. Darum solle man sie ihnen auch nicht künstlich beibringen. Dieser Ausspruch wirkt durch die Logik auf ungeheuer viele Seelen überzeugend. Fragt man aber, wie es mit dieser Logik bestellt ist, so muss man sagen, dass es eine schwache, eine einseitige Logik ist. Der Mensch ist nicht so veranlagt, dass er alles Neue aus sich heraus tun kann. Dieselbe Logik spricht auch ganz genau gegen das Sprechenlernen beim Kinde. Die Logik braucht nur ein wenig schärfer zu werden, dann sieht man so prächtig, was eigentlich im tieferen Grunde auftritt. Denn im Grunde kämpft nicht Logik gegen Logik. Was von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken gegeneinander kämpft, das sind Leidenschaften, das sind Temperamente der Menschen - das ist das, was Menschenseelen an Affekten und Leidenschaften in sich tragen, bevor sie von Christus durchleuchtet und voll durchglüht sind. Wenn sich die verschiedenen Gruppen in unserer Gegenwart auf dem Gebiet der religiösen Weltanschauung in dieser Weise gegenüberstehen, so verraten sie, wie unsere so zersplitterte Zeit lechzen muss nach dem, was Geisteswissenschaft ihr geben kann.

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